Mamas & Papas

Der Vorteil, etwas nicht zu wissen

Wenn Kinder mit ihren Eltern diskutieren, kommt es manchmal zu ganz erstaunlichen Manövern.

Felix Müller hat einen Sohn und eine Tochter

Felix Müller hat einen Sohn und eine Tochter

Foto: Reto Klar

Meine Tochter ist sieben Jahre alt und kennt schon alle Tricks. Gestern fiel mir wieder einer auf. Ich las abends Erich Kästners "Pünktchen und Anton" vor. Ich glaube, sie mag das Mädchen mit dem Namen Pünktchen ganz gern, weil es auf ähnlich irre Ideen kommt wie sie. So hat Pünktchen zum Beispiel einen Wackelzahn und will ihn loswerden, aber weil ihr das mit der Schnur und der Türklinke zu langweilig ist, bindet sie den Faden auf der einen Seite am losen Zahn und am anderen Ende an ihrem Dackel fest. Den scheucht sie dann auf, und zack, weg ist der Zahn. Meine Tochter war begeistert. Ich war froh, dass wir keinen Dackel besitzen.

Aber mir geht es um etwas anderes. Erich Kästner erzählt in seinem Roman nebenbei die berühmte Legende über die französische Königin Marie Antoinette, die angesichts der verarmten Pariser Bevölkerung gesagt haben soll: "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!" Kästner schreibt: "Sie wusste nicht, was Armut ist! Sie dachte, wenn zufällig nicht genug Brot da ist, isst man eben Kuchen. Sie kannte das Volk nicht, sie kannte die Armut nicht, und ein Jahr später wurde sie geköpft. Das hatte sie davon."

Meine Tochter war entsetzt. "Geköpft? Deswegen? Echt jetzt?" – "Hm. Ja." – "Das ist doch total ungerecht." – "Findest du? Warum?" – "Na ja, woher soll die denn bitte wissen, dass die keinen Kuchen haben?"

Jetzt sollte ich die Exekution einer Herrscherin erklären

Ich war etwas überfordert. Ich wollte eigentlich nur was Nettes vorlesen, jetzt sollte ich die Exekution einer französischen Herrscherin vor mehr als 200 Jahren erklären, und das mit meinen eingerosteten Kenntnissen darüber. Schönen Dank, Erich Kästner! Ich beschloss, das zu tun, was ich in solchen Fällen gern tue, nämlich einfach vom Thema abzulenken: "Das denkst du wirklich, oder?" – "Was jetzt?" – "Na du meinst: Wenn man etwas nicht weiß, kann man auch nicht dafür bestraft werden. Das stimmt aber oft nicht." Sie seufzte, rollte mit den Augen und sagte: "Lies bitte weiter!"

In der Tat habe ich dieses Argument aber schon öfter gehört. Sie kann ja nicht wissen, dass man einen Kuchen nicht aus einer Mischung aus Waschpulver, Duschgel und zerbrochener Wachsmalkreide herstellt. Niemand hat ihr gesagt, dass Zahnseide nicht dafür gedacht ist, in der Wohnung riesige Spinnennetze aufzuspannen. Und keiner hat sie darüber informiert, dass Bücher den Kontakt mit Wasser nicht mögen, sich also in der Badewanne weniger gut machen als etwa die Gummiente. Behauptet sie. Weise ich sie dann darauf hin, dass ich ihr das sehr wohl und immer wieder gesagt habe, lenkt sie einfach vom Thema ab. Woher sie das wohl hat?

Der Nichtwissenstrick und der Scheinbarkeitstrick

Es gibt allerdings nicht nur den Nichtwissenstrick, es gibt inzwischen auch den Scheinbarkeitstrick. Als ich sie neulich darauf hinwies, dass es schon sehr spät sei und sie längst ins Bett gehöre, sagte sie lässig-großzügig: "Weißt du, das erscheint dir nur so." Der Satz verblüffte mich, weil ich mich in solchen Fällen immer frage, woher das jetzt schon wieder kommt. Hatte sie Kant gelesen? Eher unwahrscheinlich. Und was meinte sie genau? Saß ich der trügerischen Illusion auf, dass der Abend schon weit fortgeschritten sei, während es in Wirklichkeit noch nicht einmal sieben Uhr war? Oder lag meine echte Tochter schon längst im Bett, während ich gerade mit einer Art Fata Morgana sprach?

Kommunikationsstrategisch ist das natürlich schon clever: Wer den Erziehungsberechtigten mit einem solchen Satz vor ein paar Rätsel stellt, kann dessen Denkpause gut dazu nutzen, um es sich mit einer Decke auf dem Sofa bequem zu machen, die Leselampe einzuschalten und ein Buch zur Hand zu nehmen und so das Zubettgehen noch weiter hinauszuzögern. "Bringst du mir bitte noch ein Glas Wasser?", fragte sie, aber es klang eher wie ein Befehl. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, das alles passiere gerade gar nicht wirklich, sondern nur zum Schein.

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