Mamas & Papas

Mut zum Nickerchen

Was passiert, wenn sich die Schlafrhythmen in einer Familie deutlich voneinander unterscheiden, bescheibt unser Autor Hajo Schumacher.

Autor und Kolumnist Hajo Schumacher

Autor und Kolumnist Hajo Schumacher

Foto: Frank Johannes

Wir sind eine ausgeschlafene Familie. Ruhe ist das Geheimnis eines glücklichen Miteinanders. Deswegen gibt es Herbstwochenenden, die wir nicht verplanen, sondern verpennen. Schlecht für die Volkswirtschaft, aber ein Geschenk für uns. Zwar könne man weder vor- noch nachschlafen, sagen Forscher.

Wir versuchen es trotzdem, vor allem die Chefin. Ihre Morgenruhe ist heilig. Während ich einkaufe, Fenster putze, eine Runde laufe und Hansens Hausaufgaben erledige, räkelt sich die Gattin noch ein wenig in ihrem Gemach. Ich gönne ihr das. Keine Hausarbeit ist anstrengender als ein unausgeschlafenes Familienoberhaupt.

Die ganze Familie ist selten wach

Dummerweise unterscheiden sich unsere Schlafrhythmen derart, dass maximal zwei von drei Familienmitgliedern gleichzeitig wach sind. Hans zum Beispiel stellt sich sonnabends den Wecker auf 5 Uhr morgens, weil wir eine Abmachung getroffen haben, die das elende Computerspielen regeln soll. Es gilt: Wenn unser mittelmotivierter Siebtklässler wochentags seine Schul-, Sport- und Benehmenspflichten anständig erledigt, darf er am Wochenende morgens ein wenig zocken. Leider haben wir sehr verschiedene Definitionen von „anständig erledigt“.

Ich finde, es dürfte ruhig mal eine Note aus der oberen Hälfte des Spektrums dabei sein; unser Sohn hält sich dagegen für erfolgreich, wenn er die Woche rumgekriegt hat, ohne dass eine pädagogische Fachkraft unseren AB besprochen hat. Wo ist nur dieser Hunger, die Härte, der Ehrgeiz, der unsere Generation groß gemacht hat? Taumele ich trüben Auges durch die Wohnung, sagt das Kind mit heuchlerischer Fürsorge: „Schlaf doch noch weiter, Paps.“ Übersetzung: Lass mich bitte in Ruhe zocken, Alterchen.

Immer mehr Menschen leiden unter Schlafstörungen

Seit 2010 seien die Schlafstörungen Berufstätiger um 66 Prozent gestiegen, hat eine Krankenkasse ermittelt, und mithin die Tagesmüdigkeit. Stimmt. Kaum bin ich aufgestanden, könnte ich mich wieder hinlegen.

Ich beneide den Bären. Er zieht sich exakt jetzt in einen Blätterhaufen im hinteren Teil seiner Höhle zurück, fährt die Vitalfunktionen herunter und wacht erst mit der Frühlingssonne wieder auf. Hans wiehert vor dem Bildschirm, was ich gelassen zu überhören versuche. Digitalkinder kommunizierten nun mal anders als die Generation Dual, sagt Supernanny Katia Saalfrank. Kein Problem, ich bin gelassen: Ich gönne der Chefin ihren Schlummer, ich gönne dem Kind seinen Spaß. Ich gönne mir einen Kaffee, den dritten. Das Koffein und ich, wir haben ein zwiespältiges Verhältnis. Ich wache und schlafe gleichzeitig.

Schlafmangel ist ungesund

Schlafmangel erhöht das Unfallrisiko, deswegen sehe ich vom Fensterputzen vorerst ab. Eigentlich Zeit für Hausaufgabenkontrolle. Leider können meine verklebten Augen noch keine Buchstaben erkennen, die Handschrift von Heranwachsenden erst recht nicht. Gegen 11 Uhr wird die Chefin erscheinen, lautstark klagen, dass sie schlecht geschlafen habe, und sich beschweren, dass ihr Kaffee kalt sei. Ich übernehme die Schuld für alles und lege mich wieder hin. Hans zockt immer noch.

Als ich wieder aufwache, etwa zur Kaffeekuchenzeit, hat sich Hans gerade zurückgezogen. Die Androhung eines Spaziergangs wirkt immer. Eigentlich wäre jetzt der Moment zur Hausaufgabenkontrolle. Aber der Delinquent entzieht sich durch Stützschlaf. Dagegen kann man nichts haben. Seine Mitschüler nutzten die Schule vor allem, um auszuschlafen, hat unser Sohn neulich erklärt. Offenbar das konsequente Vorbereiten auf eine Karriere im öffentlichen Dienst.

Wochenenden können ganz schön anstrengend sein

Die Chefin wühlt in Steuerunterlagen; eine der wenigen Tätigkeiten, die sich problemlos im Halbschlaf erledigen lassen. Etwa gegen 19 Uhr dann ein kurzer Moment, an dem wir alle gleichzeitig wach sind. Reden geht kaum, Gähnen steckt halt an.

Ich könnte mich mit einem Buch in meine Koje verziehen, die Chefin spekuliert auf ein freies Sofa und einen ungestörten Blick auf den Fernseher. Hans klagt wiederum, dass er sehr wach sei, weil er tagsüber so viel geschlafen habe. Ich besorge erst mal eine Runde Pizza. Wochenenden können wirklich anstrengend sein.

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