Mamas & Papas

Ein Berliner Modell, das tatsächlich funktioniert

Die Eingewöhnungszeit in der Kita hat viele Vorteile. Selbst Politiker könnten etwas davon abschauen, meint Judith Luig.

Judith Luig, Autorin der  Morgenpost

Judith Luig, Autorin der Morgenpost

Foto: Reto Klar

Unsere Eingewöhnung in der Kita geht nun bald vier Wochen lang. Das ist, so habe ich mir von unserer Erzieherin sagen lassen, ganz normal. Jedes Kind braucht eben seine eigene Zeit, bis es sich daran gewöhnt hat, in einem überheizten Raum mit einer Menge anderer sehr kleiner Kinder zu spielen. Historisch gesehen dauert es bei uns allerdings etwas länger: Wir machen die Eingewöhnung nach dem "Berliner Modell", das mittlerweile in fast allen Kitas und Kindergärten republikweit angewendet wird.

Das Berliner Modell besteht aus drei Phasen. In der Grundphase sitzen der Mann oder ich möglichst unauffällig in einer Ecke auf einer Minibank, während unsere Tochter Schritt für Schritt mit der Kita-Welt Kontakt aufnimmt. Unsere Aufgabe in der Zeit ist, da zu sein. Das kann mehrere Tage dauern. In der zweiten Phase, der Stabilisierungs- und Trennungsphase, beginnt die Erzieherin aktiver, das Kind in den Kita-Alltag einzubeziehen und die Eltern verabschieden sich für eine halbe Stunde, die sie dann in einem Vorraum verbringen. In der Schlussphase wird das Kind morgens in die Arme der Erzieherin übergeben und die Eltern verlassen den Kindergarten, sind aber bei eventuellen Krisen sofort erreichbar und verfügbar.

Warum diese Methode Berliner Modell genannt wird, leuchtet sofort ein. In Berlin gewöhnt man gerade mit ähnlichem Tempo einen Flughafen in die Stadt ein. Der Flughafen ist da, alle wissen, wo er ist, alle reden darüber, kümmern sich um ihn, geben ihm Zuwendung, aber er wird noch nicht in Betrieb genommen, er ist noch kein aktives Mitglied der Gesellschaft.

Doch während es beim Flughafen längst schon nervt, ist die Eingewöhnung bei der Kita eine schöne Idee. Vielleicht sollte man dieses Konzept auch auf andere Lebensbereiche übertragen? Warum werden Menschen beim Arbeiten nicht erst mal langsam eingewöhnt? Verbringen in den ersten Wochen nur ein paar Stunden jeden Tag im neuen Job, steigern sich dann langsam? Oder, noch besser, warum gibt es nicht auch eine Ausgewöhnungen aus dem Berufsleben?

Auch für uns als Eltern ist das Berliner Eingewöhnungsmodell gut. Schließlich müssen wir unser Kind zum ersten Mal Fremden anvertrauen. Und wir müssen uns überlegen, wie wir selbst wieder selbstständiger werden. Wir müssen zurückfinden, in den Arbeitsalltag, der jetzt ein anderer ist. Für mich ist es ganz gut, dass ich am Anfang nur wenige Stunden habe, die ich ohne Fiona bin. So kann auch ich mich dran gewöhnen, dass sie nun nicht mehr jede Sekunde ihres Lebens auf meinem Arm verbringen will. Was habe ich noch mal vorher alles so Wichtiges gemacht?

Und es gibt noch einen Grund, warum die begleitende Eingewöhnung in der Kita so sinnvoll ist. Während man als Eltern in einer Ecke sitzt und so tut, als sei man ein Fels in der Brandung, kann man die Kindergärtnerinnen dabei beobachten, wie sie aus Babys Menschen machen. Letztendlich werden ja in der Kita alle Konflikte verhandelt, die später das Leben bestimmen. Und von den Erzieherinnen kann man lernen, wie man damit umgehen kann. Liebe, Eifersucht, Langweile, Neid, Freude – die ganzen menschlichen Emotionen und der Umgang mit ihnen werden hier geübt. Natürlich will keiner gerne am Tisch neben der Schlägerbande sitzen. Da wollen gleich zwei oder drei denselben Puppenwagen fahren, da streitet man sich mit denen, die gerade ein Spiel spielen, dass die einem die Ideen gestohlen hätten.

Die Antwort unserer Erzieherin auf Streitigkeiten ist Inklusion. Immer, wenn ein Kind auf ein anderes losgeht, zieht sie den Aggressor aus der Situation raus und erklärt ihm, dass sein Verhalten nicht okay ist. "Schau mal, der gehört auch zu uns", sagt sie dann über den Angegriffenen. Oder: "Schau mal, du hast doch vorhin auch mitspielen dürfen." Da können sich Politiker etwas abschauen von unserer Kita.

Mehr Kolumnen von Judith Luig:

Freunde? Ah, ja, da war was!

Ein Kind macht die Wohnung plötzlich zum richtigen Haushalt

Viva La Mamma - wie andere Länder Mütter ehren

Ist Urlaub mit Kleinkind noch Urlaub? Ein Protokoll

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.