Mamas & Papas

Eine Typologie der lästigsten Urlaubsbekanntschaften

Wenn Familien verreisen, treffen sie unvermeidlich auf andere Familien. Macken haben sie alle, beobachtet Hajo Schumacher.

Manche Familien sind anstrengend lustig, andere quälend perfekt oder furchtbar anhänglich

Manche Familien sind anstrengend lustig, andere quälend perfekt oder furchtbar anhänglich

Foto: Patrick Pleul / picture alliance / ZB

Wir sind eine geduldige Familie. Jedes Jahr fahren wir wieder in die Ferien, obwohl wir dort auf andere Familien treffen, die sich oft merkwürdig verhalten. Manche sind anstrengend lustig, andere quälend perfekt oder furchtbar anhänglich. Der Urlaub lehrt: Ideal gibt es nicht, Macken haben alle. Die Frage ist lediglich, mit welchen man am besten leben kann. Eine kleine Auswahl:

Die Perfekten: Die Kinder stecken in Matrosenanzügen und Schleifchenkleidern, klimpern vor dem freiwilligen Zubettgehen Schumann auf dem Hotelflügel und sehen immer noch frisch gebügelt aus. Mutti lächelt beim Sonnenaufgangs-Yoga falten- und augenringfrei, Vati scheint direkt einer Werbung für Schweizer Uhren entsprungen. Alle formvollendet, kein Streit, stets lächelnde Höflichkeit. Wie geht das? Sind die gedopt? Einzige Erklärung: Es handelt sich um Schauspieler, die für eine ZDF-Vorabendserie proben.

Die Lustigen: Papa heißt "Balu", Mama "McGonagall", die Kinder "Pippilotta" und "Michel". Sie nennen Milch "Mili", Joghurt "Jogi" und sagen "Mafiatorte" zur Pizza. Das Auto ist mit Blumen beklebt, auf den T-Shirts der Kinder steht wahrheitsgemäß "Zicke" und "Nervzwerg". Ich ahne, dass sie mich "Spaßbremse" nennen, weil mich fortwährende Fröhlichkeit irritiert. Nie trug ich diesen Ehrentitel lieber.

Die Schweiger: Offenbar Mitglieder einer Sekte. Kein Wort, kein Blickkontakt, keinerlei Emotion. Haben wir denen was getan? Riechen wir streng? Ob sie im Streichelzoo den "Wachturm" verteilen? Immerhin ideal als Zimmernachbarn, weil kein Laut zu hören ist. Am letzten Ferientag dann die ersten Worte, wie sehr sie die Ferien mit uns genossen haben. Aha.

Die digitalen Hektiker: Vati checkt morgens die Wetter-App, Ergebnis: strahlend blauer Himmel. Hätte ein Blick genügt. Mutti macht Gymnastik nach Pinterest-Liste: Kniebeugen, Liegestütze, Sit-ups. Sehr überraschend. Die Kinder lernen auf dem Smartphone für die Nachprüfung. Das Navi weist die 200 Meter zum Strand. Die schönsten Ferienmotive? Per Google-Bildersuche. Blöde Frage: Warum sind die überhaupt losgefahren?

Die Pedantischen: Anfahrt mathematisch exakt auf Durchschnittstempo, Spritverbrauch und Baustellen getaktet. Bei Verzug werden die Pinkelpausen reduziert. Alle Schutzimpfungen aufgefrischt, Frühstück nach Allergien vorbestellt. Ganz wichtig: Der Kleine darf maximal 13 Stunden am Tag wach sein, sonst "isser übern Punkt". Urlaub gehorcht nur einem Ziel: dem Vermeiden jedweder Überraschung.

Die Anhänglichen: Setzen sich ungebeten ("Hier ist doch frei, oder?") an unseren Tisch, duzen aggressiv und sprechen nach spätestens zehn Minuten über sehr private Eheprobleme. Interpretieren unser Schweigen als Sympathiebekundung, schieben ungefragt ihre Handynummer rüber und drohen, uns bald schon besuchen zu wollen. Vorteil: Nehmen freiwillig und klaglos fremde Kinder auf Tagesausflüge mit.

Die Angeber: Pilotieren panzerähnlichen SUV, tragen Golfausrüstung, hamburgergroße Armbanduhr und pfundweise Goldschmuck umher. Kinderklamotten dienen als Werbeflächen, immer dieselbe Botschaft: Wir können teuer. Mäkeln über geringe Champagner- und Kaviarquote beim Essen, ziehen zum Glück bald um ins benachbarte Edelhotel, weil die Suiten dort geräumiger sind.

Die Lockeren: Pädagogische Maxime: laufen lassen, vor allem Alkoholisches und die Kinder. Während Mutti ausgiebig dem Frühstücks-Prosecco zugesprochen hat, verzieht sich Vati zum Skatspielen untern Sonnenschirm. Die Kinder? Ach ja, da war doch was. Die terrorisieren die Ruhesuchenden am Pool mit Arschbomben, werfen am Büfett mit Oliven und beömmeln sich in der Disco über den ungelenken Ausdruckstanz der Erwachsenen. Die Grenze zwischen liberal und scheißegal wird halt in jeder Familie anders gezogen.

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