Mamas & Papas

Urlaub ohne Fernsehen, Handys und Internet

Auch in Deutschland gibt es W-Lan-freie Zonen. Dort kann man sich dann auf alte Tugenden besinnen, beobachtet Hajo Schumacher.

Ein Kind blickt auf ein iPhone

Ein Kind blickt auf ein iPhone

Foto: Ole Spata / dpa

Wir sind eine abenteuerlustige Familie. Uns zieht es in die wildesten Gegenden, zum Beispiel in die Oberpfalz, eine Mischung aus Papua-Neuguinea, Neuseeland und Sahara. Dort im Südosten gibt es Eingeborene, die merkwürdige Dialekte sprechen, bemerkenswert viel Gegend und kein Internet. Wer sich je über großstädtische Schleichnetze ärgerte, entdeckt im deutschen Mittelgebirge wieder Demut und das Briefeschreiben.

Hans hatte sich auf unsere Wandertage zwischen Altmühl und Vils gefreut. Denn wir würden im Hotel übernachten, was der Kleine mit W-Lan und Fernsehen satt übersetzte. Das versprochene Schloss lag in einer wirklich romantischen Einöde, leider ohne Park, Pferdekoppel oder ein Ballsaal. Immerhin gab es nobel knirschenden Kies, auf dem Parkplatz. Je nach Stimmung durften wir uns exklusiv oder einsam fühlen; andere Gäste gab es nicht.

Langsam kapierte ich, dass 50 Euro pro Nacht kein Schnäppchen gewesen waren, sondern angemessen. Aufgeregt durchstöberte Hans unsere rustikale Unterkunft: Wo sich wohl das TV-Gerät verbarg? Fernsehen könne man im Gemeinschaftsraum, erklärte die rosige Schlossherrin. Da gebe es auch dieses Internet, allerdings etwas langsam. Auf dem Parkplatz sei der Empfang besser. Fortan kauerte ich öfter mal kurz vor Mitternacht in der Kofferraumklappe, um im Nieselregen eine immens wichtige Mail mit sehr großem Anhang zu versenden.

Der aussichtslose Kampf gegen das Internet

Wie alle Eltern führen wir einen aussichtslosen Kampf gegen das Internet. Wir wünschen uns Söhne, die Bücher lesen, malen, gern an die frische Luft gehen, so wie wir früher, manchmal. Aber unsere Knaben hocken lieber vor dem Bildschirm, um in digitale Schlachten zu ziehen. Und jetzt? Kalter Entzug. Kein W-Lan. Wimmernd kauerte Hans unter seinem Kopfkissen. „Sind doch nur zehn Tage“, erklärte ich. Hans greinte lauter. Ich las zum Einschlafen ein paar Seiten aus einem Kinderkrimi vor, in dem sinistre Agenten Waisenkinder jagten. Literatur hat eben viel mehr Niveau als Computerspiele.

Dennoch wurde mir mulmig. Bei allen bildungsbürgerlichen Vorbehalten hat moderne Kommunikation einen lebensverlängernden Vorteil: Kinder, die wie unsere notorisch früh aufwachen, sind ruhiggestellt, bis die Eltern sich aus den Laken geschält haben. Im Badezimmer erwischte ich die Chefin, wie sie ihr Smartphone aus dem Fenster hielt. „2G. Fast zwei Striche“, wisperte sie. Unter dem Vorwand, einen Spaziergang zu machen, ging ich in den anschwellenden Niesel. Auf dem Parkplatz waren es auch drei Striche. „Diese Ruhe“, seufzte die Chefin. „Ja“, sagte ich und dachte an Friedhof.

Wir hielten uns fest im Arm und weinten

Am nächsten Morgen der reflexartige Panikgriff nach dem Mobiltelefon. Vielleicht war die Welt untergegangen und wir hatten es nicht gemerkt. Oder eine gute Fee hatte über Nacht LTE in die Oberpfalz gezaubert. Kein Empfang, dafür fast 10 Uhr. Wo war das Kind? Ich lugte aus dem Fenster. Draußen auf der Bank saß mein Sohn, mit diesem Kinderkrimi auf den Knien. Ich weckte die Chefin. Wir hielten uns fest im Arm und weinten. Unser Sohn, er las wirklich.

Faszinierend. Jahrelang haben wir alle pädagogischen Tricks angewandt, gedroht, Buchläden leer gekauft, eReader erworben und tapfer allabendlich vorgelesen. Aussichtslos. Er könne leider nicht selber lesen, erklärte unser Kleiner, denn manche Worte verstehe er nicht, weshalb die meisten Texte sinnlos blieben. Für die sechste Klasse mochte das genügen, für ein Buch nicht.

Ich hatte ein bodenständiges Abenteuerprogramm vorbereitet, mit Kanu, Wandern, Stöckeschnitzen. Was Väter halt planen, wenn das schlechte Gewissen quält, weil man sich den Rest des Jahres zu wenig kümmert. Während ich also paddelte, kletterte und mir in den Finger schnitt, blieb Hans in seine Lektüre vertieft. Er las sogar im Gehen. Nur im Freibad legte er das Buch kurz zur Seite, um seinen Vater beim Bauchklatscher vom Dreier zu beobachten. Am Ende des Urlaubs hatte er vier Bücher inhaliert, mehr als seine Eltern im Jahr. Höchste Zeit, dass wir wieder ins Netz kommen.