Mamas & Papas

Kindermund tut nicht immer Wahrheit kund

Sobald die Kleinen sprechen können, wird es für Eltern und Umstehende gefährlich, wie Sandra Garbers in ihrer Kolumne berichtet.

Kürzlich wäre ich gern kurz unsichtbar gewesen. Das war als der nette Klempner extra zum zwischengeschobenen Super-Noteinsatz zu uns nach Hause kam. Die Toilettenspülung funktionierte nicht mehr.

Aus dem Wasserhahn kam noch ganz normal Wasser, aber bei der Spülung tat sich gar nichts mehr. Sicherlich der Schwimmer kaputt, dachte ich fachmännisch. Das hatte ich schon mal gehört, dass Schwimmer wirklich schnell mal kaputt gehen. Ich komme aus einer Kindheit, in der der Vater alles konnte und kann.

Schwimmer wurden da mit links und ohne hinzugucken ausgewechselt. Autos ausgebeult, Wände gemauert. Alleine schon vom Zusehen über all die Jahre habe ich mir eine ordentliche Expertise erworben. Ich kann Lampen anbringen, Weidezäune errichten, schleifen, bohren. Ich bin ein bisschen stolz darauf.

Heimlich das Wasser abgedreht

Jetzt also der nette Klempner. Er hatte uns etxra bei all seinen Terminen dazwischengeschoben. Drei Stunden nach dem Anruf war er da. Ich war sehr erleichtert. Der Zweijährige schaute interessiert dabei zu, was der Klempner tat, ich war im Nebenzimmer.

Nach knapp zwei Minuten hörte ich, dass die Spülung wieder funktionierte. Mit einem Blick, als sei ich die mit Abstand unzurechnungsfähigste Person, die ihm je begegnet ist, fragte der Klempner, wer denn wohl das Wasser abgedreht habe, das kleine Kind oder das große Kind.

Ich schnappte mir meinen Sohn: „Hast du da oben an dem Hahn gedreht.“ Sohn ruft fröhlich hüpfend: „Jaha.“ Das ist das Tolle an Kindern: Von Zeit zu Zeit lehren sie uns Demut.

„Warum hast du Papa einen Kuss gegeben?“

Zum Glück beschränkt sich der Sohn dabei nicht allein auf mich. Kürzlich hat es die überaus korrekte, etwas leicht zu verunsichernde Babysitterin getroffen. Wie sie mir erzählte, stand der Zweijährige vor ihr und rief: „Warum hast du Papa einen Kuss gegeben?“ – „Warum hast du Papa einen Kuss gegeben?“

Die arme Frau litt Höllenqualen. Was, wenn ich nach Hause kam und der Kleine immer noch diese Frage stellen würde? Sie wusste nicht, wie und was sie mir erklären sollte. Sie sah sich bereits mit ihrer fristlosen Kündigung in der Hand.

„Ich muss mit euch über etwas reden“, sagte sie abends sehr ernst. Man kann sich ihre Erleichterung kaum vorstellen, als ich ihr erklärte, dass das ein Lied von der derzeitigen Lieblings-CD des Sohnes ist. „Warum hast du Papa einen Kuss gegeben? – Nur so, einfach nur so.“

„Mama haut mich. Papa auch“

Sobald Kinder sprechen können, wird es gefährlich. Der Erziehungsberechtigte übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Und so kommt es dann, dass die Kinder, die mit Dinkelstangen großgezogen werden und am Wochenende bestenfalls die Sachgeschichten mit der Maus anschauen dürfen, beim Kinderarzt auf die Frage, was sie denn tagsüber so machten antworten: Pommes essen und Fernsehen gucken.

Oder, obwohl sie so sanft erzogen werden, dass selbst das Haare-kämmen nur unter Verwendung von Leichtkämmspray und Spezialbürste vorgenommen wird, behaupten: „Mama haut mich. Papa auch.“

Kindermund tut eben nicht immer Wahrheit kund, sondern zielt in den meisten Fällen auf die größtmögliche Schockwirkung bei den Umstehenden ab. Oder den größtmöglichen Unsinn. Sohn: „Mama, ich muss dir was sagen ...“ Ich: „Ja, was denn?“ Er: „Mülltonne!“ Und dann freut er sich.

Der Rocker mit dem „Bild auf dem Kopf“

Aber im Grunde ist es ganz einfach und der sehr dicke Motorradfahrer in der Lederkutte mit den Insignien seines Klubs auf dem Rücken, ja genau der mit dem auf die Wange tätowierten Spinnennetz neulich auf der Autobahnraststätte, hat es wunderbar auf den Punkt gebracht.

Die Kinder starrten ihn an. Dann stellte der Kleine fest: „Der Mann ist dick!“ Tochter wiederholte laut: „Ja wirklich sehr dick! Und guck mal, er hat ein Bild auf dem Kopf. Das sieht nicht schön aus.“

Unangenehme Stille. Dann nahm der Mann sein Tablett, um es zu entsorgen, kam auf den Tisch mit den Kindern zu und brummte: „Die dürfen das. Sind Kinder.“ Recht hat er.

Mehr Folgen der Kolumne "Mamas & Papas":

Wer politisch korrekt verreisen will, kann nur verzweifeln

Der erste Kita-Winter ist der Horror

Hilfe, wir haben ein Einhorn!

Spaß macht nur satt, Freude aber schmeckt

Zeugnisnoten und Banknoten haben einiges gemein