Mamas & Papas

Tage mit einem Zweijährigen

Der Sohn unserer Autorin wäre gut für das Training von Managern geeignet.

Die Fähigkeit, Chaos und unsinnigsten Unsinn zu verbreiten, verhält sich umgekehrt proportional zum engelhaften Aussehen

Die Fähigkeit, Chaos und unsinnigsten Unsinn zu verbreiten, verhält sich umgekehrt proportional zum engelhaften Aussehen

Foto: Reto Klar

Kürzlich sind wir nach fast drei Stunden Flug an unserem Urlaubsort angekommen. Meine kleine Bilderbuchfamilie und ich. Die Tochter sah dank einiger Bibi und Tina-Folgen noch aus wie neu. Die vor Dreck starrende Kleidung des Sohnes dagegen erzählte eine Geschichte von Quetschobst, Übermut und Trotz.

Wir waren gerade dabei, den Flughafen zu verlassen, als der Sohn laut verkündete: „Ich! Doßes! Bier! Trinken!“ Verstohlene Blicke der Passanten. Sohn: „Mama! Doßes Alkohol tinken!“ Okay, er hatte es mal wieder geschafft. Wir waren die Flodders auf Urlaub. Umziehen war keine Option, denn dann hätte er sein Piraten-T-Shirt ausziehen müssen, und das Geschrei möchte wirklich niemand hören.

Die ganze Familie im Griff

Wir müssen es wohl zugeben: Ein nicht einmal ein Meter großes Wesen mit goldenen Ringellöckchen hat die ganze Familie im Griff. Die Fähigkeit, Chaos und unsinnigsten Unsinn zu verbreiten, verhält sich umgekehrt proportional zum engelhaften Aussehen. Der Sohn beherrscht die Königsdisziplin des „Warum-in-aller-Welt-sollte-ich-etwas-tun-was-ich-partout-nicht-will“ in Perfektion.

Herkömmliche Strategien wie Vernunft, Drohung, Erpressung und Sanktionen helfen so gut wie gar nichts. Aber vielleicht hat er einfach nur die Schlüsselqualifikationen von morgen. Vielleicht ist er der geborene Chef.

Er übernimmt Verantwortung: „IIIICH! Holen! Mixer!“ Er arbeitet überzeugend mit Ignoranz. Ich: „Bleib bitte sitzen, wir sind noch nicht fertig mit dem Essen.“ Sohn: „Summ, summ, Bienchen, summ, summ...“ Er ist nicht konfliktscheu. Ich: „Finger weg von der Steckdose!“ Sohn: „Nein, ich Tecker! Jetzt!“ Er ist effizient. Ich: „Singst du uns ein Lied vor?“ Sohn: „Ja. Hänschen Dein! Wieder da.“

Aus der Routine ausbrechen

Und er kann auch mal aus der Routine ausbrechen. Ob mitten in der Nacht: „Cello spielen! Papa! Jetzt!“ oder frühmorgens um fünf: „Eis essen! Ich! Eis! Holen!“ Und er hat Beharrungsvermögen. Ich: „Du kannst keine Gummistiefel anziehen, es sind 30 Grad draußen.“ Sohn: „Dummi Stiefell!!“ Ich: „Gummistiefel sind für Regen, bei Sonne bekommst du ganz heiße Füße.“ Sohn: „Dummi! Stiefel!“ Er pfeffert die Sandalen in die Ecke, wirft sich auf den Boden. „Dummi Stiefel! Dummi Stiefel!“ Okay – ablenken: „Wo ist denn dein Hasenhund? Willst du den mit in die Kita nehmen?“ Sohn: „Dummi Stiefel!“ Hasenhund landet auf dem Boden.

Ich habe nun genau zwei legale Möglichkeiten: 1. Machtkampf. Sehr dumm, weil man Machtkämpfe gegen Zweijährige niemals gewinnen kann. 2. Aufgeben. Das ist klug und spart Nerven. Schlechtes Gewissen wegen mangelnder Erziehungsleistung rechtfertige ich vor mir und anderen mit „Phasen“. Er hat da grad so eine Phase. Ist ja auch ganz schwierig für ihn. Kleiner Mensch, große Welt, wie soll man da keine Phase haben. Vielleicht sollte ich mein Scheitern einfach als Chance begreifen.

Manager können Demut lernen

Ich könnte den kleinen Sohn für Managementtrainings anbieten. Es gibt ja jede Menge Angebote, damit Chefs im Berufsleben noch besser und überzeugender werden. So etwas wie Überlebenstrainings in der baden-württembergischen Wildnis, Pferde führen oder ein Orchester zu Brahms Zigeunertänzen dirigieren. Alles schön und gut, aber ich glaube, das ist alles nichts gegen ein paar Tage mit einem Zweijährigen.

Das vermittelt ganz neue Verhandlungsstrategien. Da lernt auch der größte Manager wieder Demut. Versprochen. Kein Managementtraining kann so hart sein, wie es ist, ein schreiendes und sich auf dem Boden wälzendes Wesen im Supermarkt vor den Augen Dutzender Kunden und nebenberuflicher Erziehungsexperten wieder zu einem halbwegs wohlerzogenen Jungen zu machen.

Am allerüberzeugendsten aber ist seine Strategie, wenn er mal wieder großen Mist gebaut hat. Dann kommt er strahlend angelaufen und ruft fröhlich. „HALLOOOOO! MAMI!“, und dann wirft er sich einem in die Arme. Und man glaubt tatsächlich, da liegt gerade der süßeste kleine Engel der Welt im Arm. Alles andere ist nur eine Phase.