Radfahren lernen

Übungsplatz? Berlin Suicide Biking lernt man auf der Straße!

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Hajo Schumacher

Foto: INSADCO / Martin Plˆb,INSADCO / Martin Plˆb / picture alliance

Sohn Hans soll also zur Verkehrsschule, um Fahrrad fahren zu lernen. Das lernt man in Berlin nur auf der Straße, meint Hajo Schumacher.

Wir sind eine mobile Familie. Wir fahren Rad, nahezu ideologiefrei, wenn man von den vier Rennrädern des Ernährers absieht, von denen die Chefin glaubt, es seien zwei, weil der Keller kunstvoll blickdicht zugestellt ist. Einem meiner wenigen Vergnügen übrigens, seitdem mein Antrag scheiterte, den Balkon mit einem gusseisernen Grill aufzuwerten.

Für autophile Menschen mag es unglaublich klingen, aber das Fahrrad ist kein Trendgerät, sondern ein Verkehrsmittel: schneller als die BVG, sofern es nicht bis nach Pankow oder Spandau geht, einfach zu parken, günstig im Unterhalt, gut fürs Bindegewebe und nach aushäusigen Mollen auch prophylaktisch regenerativ, sofern man keine Poller übersieht.

Hans und Karl betrachten das Rad dagegen als Foltergerät, vor allem mental. Nur murrend mochten sie vor der Schule im Nieselregen neben den Geländewagen der Klassenkameraden rollen, um durch das Röhren von 300 sinnlosen PS die Umweltverträglichkeit des zweirädrigen Vollcabrios zu preisen. Egal: Wir werden auch dieses Jahr wieder Radferien machen, mit Satteltaschen, Zelt und Mücken. Bis Weihnachten sind die Schürfwunden wieder weg.

Das Kind kann jedenfalls Rad. Gleichwohl quengelte Hans, dass er in die Verkehrsschule müsse, an acht Wochenenden. Die Chefin schützte Arbeit vor. Was sollen wir auf dem Übungsplatz? Wie will man dem Kind in einem polizeilich kontrollierten Disneyland die Härte des Berliner Straßenverkehrs nahebringen? Wo sind die mit Scherben gepflasterten Radwege, die im Nichts enden, wo Zweitereiheparker, Brachialabbieger mit Stinkefinger, Beifahrertüraufreißer? Berlin Suicide Biking lernt man nicht im eingezäunten Streichelzoo, sondern auf der radweglosen Kantstraße.

Käpt’n Blaubär trägt keinen Helm

Sobald wir mit dem Rad unterwegs sind, doziert Hans aus einer Fibel des Bundesverkehrsministeriums, obwohl ein Foto von Alexander Dobrindt drin ist und der lustige Text: „Erst links schauen – dann rechts …“ – was man als CSU-Generalsekretär so gelernt hat. Als Sympathieträger führt Käpt’n Blaubär durchs Heft. Merkwürdig. Was hat ein Trickfilmbootsführer ohne Helm auf dem Rad zu suchen? Egal. Kompetenz, Logik und Sinn werden überbewertet. Wer wüsste das besser als unser jugendlicher Maut-Strauß. Ich weiß, was Dobrindt fühlt. Er hat Seehofer, ich die Chefin: Klappe halten, ausführen, Danke sagen.

Neulich war Radprüfung. Hans hat bestanden, trotz der Fibel. Andere Kinder leider nicht. Dabei waren sie mit dem Panzerwagen beim Raddiscounter, um eine nagelneue Rennmaschine, ein Dopingsündertrikot, Trinkflasche, GPS-System, Dachgepäckträger, Helm (farblich passend zum Smartphone) plus einen Karton Energieriegel zu erwerben, weil Einkaufen hungrig macht.

Der Schnickschnack steht noch originalverpackt in der Panzergarage. Irgendwie war das Wetter nicht so, vor allem Wind. Und Steigung. Da kann man ja nicht üben. In der zehnten Klasse klappt’s mit der Radprüfung vielleicht. Zum Abitur dann das Seepferdchen. Und zur ersten Diabetesdiagnose endlich eigene Walkingstöcke.