Mamas & Papas

Familie 4.0 - Warum Smartphones für Grundschüler unnötig sind

Neulich meldete unser Sohn, er habe die erste Apple-Watch am Arm eines Mitschülers gesehen. Toll. Warum Grundschüler keine Smartphones brauchen, nur um den Toaster fernzusteuern.

Wir sind eine technologisch behutsame Familie. Immerhin besitzen wir einen Fön, einen Toaster und eine Saftpresse. Diese Geräte könne man mit dem Smartphone steuern, erklärt Hans. Interessant. Aber – warum? Der manuell zu bedienende Knopf hat sich seit Jahrhunderten bewährt. Warum soll ich den Toaster schon im Tiergarten vom Rad aus in Betrieb setzen? Damit mich ein Küchenbrand empfängt? Hans erklärt uns dauernd, was man mit Smartphones alles machen kann. Er weiß das aus der Schule, wo „alle“ einen Großbildschirm mit Telefonfunktion besitzen.

Meinen ersten eigenen Fernseher mit Zimmerantenne besaß ich als Student, die Bildschirmdiagonale entsprach einem Käsebrötchen. Auch bei laufendem Apparat war ein Blick in die Programmzeitschrift vonnöten: Sportstudio? Rudi Carrell? Oder Wort zum Sonntag? Früher wurde mehr geraten. Heute wird mehr gewusst, wegen der Smartphones. Glauben Eltern. Denn kaum tönt die Glocke, rennen die Kinder aus dem Raum und reißen ihr Smartphone heraus. Checken. Aber was? Wikipedia? Ob Jogi Löw auf der Mailbox ist? SMS von Obama? Welche lebenswichtigen Nachrichten sollten Viertklässler in der kleinen Pause erhalten, nachdem Mutti erst vor 45 Minuten mit feuchten Augen von der Lehrerin sanft vor die Tür geschoben wurde? Natürlich wird gedaddelt.

Eingabe bei der Schulleitung: Lässt sich herausfinden, ob tägliche Bildschirmstarrdauer, schulische Leistung und fortgeschrittene Adipositas zusammenhängen? Leider nicht möglich, hieß es, der Datenschutz. Unterdessen werden alle Kommunikationsdaten der gesamten Schule in Echtzeit in die USA gesaugt.

Neulich meldete Hans, er habe die erste Apple-Watch am Arm eines Mitschülers blinken sehen. Toll. Statt sturem Nach-Unten-Glotzen kommt die neue Blickvariante „schräg links“ dazu. Fast schon Sport. Hans verfügt übrigens über die größte Halsbeweglichkeit seiner Klasse. Wer kein Smartphone besitzt, muss halt pausenlos auf die Displays der anderen schielen. Bin ich ein Rabenvater, weil ich in dieser Zeitung gelesen habe, dass „always on“ für Grundschüler überflüssig ist? Brennt die Wohnung, weil die Chefin an der Toasterfernsteuerung herumspielte, kann man ja immer noch im Sekretariat anrufen.

Aber wir sind ja keine Unmenschen. Aus unserer Schublade für Elektronikfossile durfte sich Hans vergangenes Wochenende eines unserer guten alten Handys aussuchen. Eines war so groß wie ein Ziegelstein, ein anderes hatte die Heckklappe verloren, das Display eines weiteren so scharf wie mein Studenten-TV. Hans war mitteleuphorisch. Dann fand er mein ultracooles Klapphandy, das man lässig mit dem Daumen aufschnipsen kann. Tetris ist leider noch nicht drauf.

Die Chefin schlug vor, einen Apfel auszuschneiden, auf die eine Klappe zu kleben und auf die andere mit TippEx „iPhone X 9 retro“ zu schreiben. Hans schüttelte den Kopf. Zwar hatte er nun ein Mobiltelefon, aber der Zeigestolz hielt sich in Grenzen. Frechheit. Wenn der Bengel nicht mehr Dankbarkeit zeigt, gibt’s zu Weihnachten doch keine Sim-Card.