Mamas & Papas

Minecraft – eine Schule fürs Leben

| Lesedauer: 3 Minuten

Foto: Jan Knoff / picture alliance / dpa

Hajo Schumacher über die Verwandtschaft von Comics und Computerspielen und warum er sonntags jetzt immer Schlafanzug trägt

Wir sind eine kreative Familie, vor allem beim Erfinden von Ausreden. Vor dem Schwänzen des Elternabends laufe ich geschichtenmäßig zu Flughafen-Form auf. Oberste Regel: Immer sind andere schuld. Die Chefin wiederum erklärt, wie bösartig ihre Hausarbeitsallergie sei, außerdem würde ich ja den Elternabend schwänzen, weswegen ich die Betten frisch beziehen müsse.

Besorgt fragen wir uns, warum unser Sohn Hans so merkwürdige Erklärungen für sein seltsames Tun bietet. Seit kurzem schläft er in Jeans und Hoodie. So spare er morgens Zeit, sagt er, die Chefin hetze immer so. Bald würden wir seinen Geruch bemängeln, bemerke ich zartfühlend. Hans zieht eine Sprühdose hervor, Erbstück vom großen Bruder. Giftgas der Marke „Dark Temptation“. Wir geben auf.

Besonders kreativ wird unser Kleiner beim Verhandeln übers Computerspielen. Es gibt drei tückische Argumentationsmuster. Erstens: Alle anderen in der Klasse... Sollen wir andere Eltern anrufen und mithin unser Misstrauen gegenüber dem eigenen Kind illustrieren? Elternabend hätte geholfen. Zweitens: Minecraft sei gar nicht schlimm. Hans zeigt auf Bauklötze, die sich auf dem Bildschirm stapeln. Nirgendwo Leichenteile. Drittens, Killerargument: Das Spiel sei pädagogisch wertvoll. Dummerweise stand es genauso in der Zeitung, die wir oft und gerne lesen. Bislang dachten wir, Kinder wüssten nicht mal, wozu diese Papierbahnen da sind. Aber kaum steht was über die Heilkraft des Computerspiels zu lesen, ist Zeitung plötzlich alt, aber sexy.

Unsere Eltern fanden früher, dass die Metzeleien von Tom, Jerry und Karl dem Koyoten schlecht für die kindliche Seele seien. Wir haben dann was Lateinisches aus Asterix zitiert, weshalb zumindest Väter ohne Latinum plötzlich vom pädagogischen Wert des Comics überzeugt waren. Hans zitiert Zeitung - das ist so gut wie Latein heutzutage. Und dort steht, dass Minecraft wichtige therapeutische Funktionen habe. Hans weiß nicht, was „therapeutische Funktionen“ sind, vermutet dahinter aber Geheimes aus der Welt der Großen, wahrscheinlich so langweilig wie „vegetarisch“.

Der Therapeut Michael Langlois also sagt, das Klötzchenspiel Minecraft helfe, Entscheidungen zu treffen, hebe das Vertrauen in die Gestaltungskraft und besseren Sex habe man auch. Unmerklich horcht die Chefin auf. Außerdem schule das Spiel fürs Leben, weil man klein anfangen müsse. Um dann verzweifelt aufzugeben, dachte ich milde.

Früher gab es Menschen, die den Kölner Dom aus Streichhölzern nachgebaut haben. Die Krankheit heißt Autismus. Bei Minecraft hat man es darüber hinaus mit „Schweinezombies“ zu tun und mit Magmaschleim, der immer mehr wird, wenn man ihn bekämpft. Die türkische und die chinesische Regierung haben das Spiel verbannt, was keine schlechte Empfehlung ist. Am Sonntag sitzen wir jetzt gemeinsam vorm Rechner und verstecken uns vor Schweinezombies. Wir haben die Schlafanzüge noch an. Das spart Zeit.