Mamas & Papas

Hilfe! Mein Kind soll in die Bildungselite

Hajo Schumacher über den Berliner Schul-Irrsinn nach der vierten Klasse.

Wir sind eine egalitäre Familie. Elite ist uns unheimlich. Wir sind Schöneberger SPD, Hertha und Union. Nicht auffallen, schon gar nicht mit Leistung. Gewinnen ist peinlich. Lieber kuscheln im selbstgestrickten Pullover. Gleichheit ist unsere Religion. Wir wollen nichts Besseres sein. Naja, eigentlich wollen wir schon, besonders die Chefin, aber wir trauen uns nicht. Weil sonst jemand sagt, dass wir wohl was Besseres seien. Das glaubt ja jeder von sich, aber keiner sagt es. Deswegen sind wir euphorisch, wenn unsere Nationalelf sich traut, ihr Besserseinwollen hemmungslos auszuleben. Es lebe die Projektion.

Wir lassen das mal lieber, vor allem in der Schule. Natürlich tragen wir die Gene der Hochbegabung in uns; irgendwo müssen die Jungs ja ihre unglaubliche Kreativität beim Ausreden erfinden her haben. Aber wollen wir die Einsamkeit des Strebers durchleiden, der beim Aufzeigen schnippt und in Partizipien spricht? Manchmal aber werden wir dazu gezwungen. Am Ende der vierten Klasse zum Beispiel.

Früher war die Schule wie Berliner Fußball. Mit einem „genügend“ hatte man seinen komfortablen Mittelplatz gefunden, Ausnahme Sport, Werken und Handschrift. Später gingen trotzdem alle aufs Gymnasium. Die beiden mit dem besten Abitur wurden Ärzte, um später die Alkoholprobleme jener zu therapieren, die erst in die Soziologie und dann in die Medien abgerutscht waren.

Heute kann man Viertklässlern den Zauber des Genügens nicht mehr nahe bringen. Seit Wochen kommt Hans mit neuen Flüstermeldungen nach Hause. „A geht aufs Canisius“, wispert er, „B geht aufs Goethe“ und „C geht aufs Wegscheider“. Willkommen, oh Sinnhaftigkeit des Berliner Bildungssystems. Weil die Finnen lange gemeinsam zur Schule gehen und einst so gut bei Pisa waren, bleiben Berliner Schüler bis zur sechsten Klasse zusammen. Das hilft zwar nicht bei Pisa, aber dafür bleiben die Berliner Kinder auch nicht wirklich beisammen.

Denn es gibt eine Ausnahmeregel: Wer wegen Hochbegabung auf ein Spezialgymnasium möchte, das ab der fünften Klasse Latein anbietet oder Tischtennis oder eine interessante Vergangenheit beim Sexualkundeunterricht, der kann nach der vierten Grundschulkasse rübermachen zur Bildungselite.

Hans hat keine besonderen Fähigkeiten oder Interessen, woher auch? Unser Sohn kann nicht mal „Alea iacta est“ aus Asterix zitieren. Aber die meisten seiner Kumpels verlassen die Grundschulklasse, weil der Sozialstatus so will. Da müssen wir natürlich mit. Die Chefin hat schon ihr Business-Kostüm gebügelt und ich die Strickkrawatte rausgeholt. Auf zu entspannten Bewerbungsgesprächen bei den Harvards von Berlin. Wichtig: kein Knoblauch am Vorabend, mit Hans „Bitte“ und „Danke“ üben und nur noch gute Witze über alleinstehende Veganerinnen. „Reiß dich zusammen“, bellt die Chefin, einfach so. Dabei habe ich gar nichts gemacht. Das Leben in der Champions League ist mir schon unheimlich, bevor es begonnen hat.