Mamas & Papas

Ehre für die Helden des Alltags

Hajo Schumacher beobachtet eine neue Flut an Sammelbildchen. Und er fragt sich: Warum drehen die sich eigentlich immer nur um die Fußballwelt?

Foto: Annett Habermann

Wir sind eine ehrfürchtige Familie. Wo immer ein bekannter Mensch auftaucht, werfen wir uns zu Boden. Wir winseln um Autogramme, wir kreischen und knipsen. Neulich war jemand, den wir mal im Fernsehen gesehen haben, in unserer Pizzeria. Wir wussten nicht genau, wer das war, drittes Programm wahrscheinlich, aber Hans hat sich sicherheitshalber ein Autogramm geholt. Undenkbar, wenn das eines Tages wertvoll wird, und wir haben es vom Tisch gehen lassen. Bald werden wir unseren neuen Regierenden Bürgermeister um seine Unterschrift bitten. Wenn wir die Büroklammer der Herzen erkennen.

Für Promis geben wir alles. Derzeit sind wieder Fußballer dran. Wie kommt das? Ganz einfach. Ein wohlstandsverwahrloster Bengel mit zu viel Taschengeld präsentiert plötzlich einen Stapel Fußballerkarten in der Schule. Keiner will soziale Schwäche zeigen, WM auch lange vorbei. Und drei Tage später stapeln sich in jeder Klasse bedeutungslose Zweitliga-Kicker. Hans hat sich noch nie für Fußball interessiert, aber Karten sind ja auch was anderes, Wertanlagen: total selten, total wertvoll, vor allem Philipp Lahm. Klub 100, in glitzernd. Die Tonnen von Sammelalben, die bei uns im Keller schimmeln, entsprechen demnach dem Gegenwert eines Sportwagens. Braucht jemand vier Vereinsembleme vom FC Sandhausen?

Neulich freitags dröhnte um 17 Uhr unvermittelt unter Hansens Balkon ein Presslufthammer. Pegida in Schöneberg? Ein unterirdischer Schuhschrank, den die Chefin unauffällig anlegt? Nein, Wasserrohrbruch unterm Bürgersteig. Alles abgesperrt, aufgerissen, Scheinwerfer, Mobilbagger, ernste Blicke der Jungs vom Wassereinsatzkommando. Hähne in allen Häusern abgedreht. Pädagogisch eindrucksvolle Elternsätze wie: „Jetzt kannst Du Dir vorstellen, wie das im Krieg ist.“ Hans und ich verfolgten das Spektakel vom Logenplatz Balkon. Wir hatten heiße Suppe zubereitet, weil wir auf eine 24-Stunden-Show hofften, gern mit Fontänen. Aber gegen 21 Uhr war die Aktion leider vorbei. Schaden behoben. Keine Opfer. Nicht mal Fontäne.

Während Hans fortfuhr, tätowierte Förderschüler mit merkwürdigen Frisuren aus der 2. Liga einzusortieren, deutete ich auf die Männer in ihren Neonwesten. „Die Jungs da unten, das ist der wahre Klub 100, glitzernd“, sagte ich. „Die halten die Stadt am Laufen, auch wenn’s friert.“ So wie die Müllmänner, die die klebrigen Tüten mitnehmen, mit Katzenfutterdosen, die an den Griff der gelben Tonne geknotet sind. Ist ja Umweltschutz, wenn Müll im Hof rumfliegt, auf dem ein grüner Punkt klebt.

„Warum macht der Neue kein Sammelalbum für Berlin?“, fragte Hans plötzlich. Prima Idee. Michael Müller gibt sein erstes Buch heraus, ein Klarsichthüllenband mit Büroklammern, wo man die Helden des Alltags befestigen kann: Polizistinnen, Postboten, Kurierfahrerinnen, Altenpfleger, Callcenter-Mitarbeiterinnen, Dönermacher – und Väter.