Mamas & Papas

Warum wir in den Ferien nur auf dem Sofa sicher sind

Hajo Schumacher findet, dass Ferien ohne Entertainment und Freizeitstress das einzig Richtige sind. Schließlich soll man sich doch erholen. Oder etwa nicht?

Foto: N. Hochheimer / CHROMORANGE / picture-alliance

Wir sind eine todesmutige Familie. Obgleich uns der Kalender zwischen dem 20. Dezember und dem Schulbeginn 16 sinnlose Tage am Stück bescherte, hatten wir kein Entertainmentprogramm entworfen, sondern ließen die Leere auf uns zukommen, flankiert vom Jahresendwahnsinn: Steuerunterlagen ordnen, Keller aufräumen und einfühlsame Gespräche mit den Kindern, die vielleicht über Ein-Satz-Beiträge hinausreichen. Mit stiller Gehässigkeit gedachten wir der Skiurlauber. Die Armen müssen doch tatsächlich ihre nagelneuen Daunenwurstglanzklamotten originalverpackt wieder mit nach Hause nehmen. Ich und der Klimawandel, so langsam werden wir Freunde.

„Wir unternehmen spontan was“, hatte die Chefin gesagt. Spontan fallen mir genau zwei Freizeitvertreibe ein: entweder ins Büro fliehen unter dem Vorwand, Steuerkram erledigen zu müssen, in Wirklichkeit aber dösend vom Dienstsofa aus Jahresrückblicke auf Eurosport gucken. Oder allein im Nieselregen bei Optimalpuls durch den Grunewald wackeln in der Hoffnung, dass exakt jenes Gänseschmalz verbrannt wird, das ich mir tags vorher auf die Hüften geladen habe, und ein bisschen Altfett noch dazu. Dazwischen Tetzlaffs „Silvesterpunsch“. Mit einem Handtuch hatte ich das Sofa schon Wochen vor dem scheinheiligen Abend reserviert. „Dieses Jahr wird nicht soviel vor der Glotze gehangen“, hatte die Chefin befohlen. Wir Jungs nickten, dachten das Gegenteil und übersahen jene Prospekte mit Niveau, die Mona auf dem Küchentisch ausgebreitet hatte, Kindertheater und andere Grausamkeiten, wo überzüchtete Mitte-Kinder heulen, quatschen oder Kunststücke vollbringen, die unsere nicht können, Klappehalten zum Beispiel. Außerdem hustet die überfenchelte Veganer-Brut unentwegt. Kultur bedeutet erhöhte Ansteckungsgefahr. Vor dem Fernseher sind wir sicher.

Ozenarium? Erlebnisbauernhof? Bloß nicht!

Am Sonntag zwischen den Jahren rief die Mutter von Josef an. Mit dem Namen wollte sie dem Jungen beim Krippenspiel eine Hauptrolle sichern. Hans lag im Bett und las, die Chefin guckte zum vierten Mal „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, während ich mit einem Strohhalm Marzipanreste aus den Parkettfugen saugte. Josefs Mutter ist eine überambitionierte Nervensäge, die ihrem Untalent von Sohn wöchentlich ein neues Instrument aufbürdet. Soll unser Kind Umgang haben mit einem Klotzkopf, gegen den jeder Museumspädagoge in Berlin Gewaltfantasien hegt, völlig zu Recht übrigens?

Warum nicht? Immerhin bestand Aussicht auf einige Tage Ferien, für die Eltern jedenfalls. Denn die Beschäftigungsinitiative der Helikopter-Mum sah zuerst das Ozeaneum in Stralsund vor, dann einen Erlebnisbauernhof zum Schlittenbauen und an Silvester wahrscheinlich Times Square. Ich wedelte mit einem 20-Euro-Schein, den ich ans iPad geklebt hatte. Hans klammerte sich wimmernd an mein Hosenbein. Wie schön. Auch im neuen Jahr wird die Liebe der Nächsten offenbar grenzenlos sein.