Mamas & Papas

E-Gitarre mit Sturzspuren

Hajo Schumacher über Livemusik zur Weihnachtszeit und warum Musikinstrumente in Kinderhänden nicht immer eine gute Idee sind.

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Wir sind eine geduldige Familie. Vor allem ich. Nur selten überlege ich, wie das Leben ohne Familie verlaufen wäre. Kinderlose klagen ja gerade in der Weihnachtszeit oft über quälende Stille in der leeren Wohnung. Ich würde diesen völlig unbekannten Zustand gern mal ausprobieren. Denn seit Hans sich der Musik verschrieben hat, gibt es weder stillen Tag noch stille Nacht. Das Kind übt verbissen fürs Fest, gern um sechs Uhr morgens. Keine Livemusik – keine Geschenke, sagt die Chefin, die an allem schuld ist.

„Jedes ordentliche Kind lernt ein Instrument“, findet Mona. Ich werfe ein, dass beide Eltern unordentliche Kinder gewesen sein müssen, weil wir außer Dual Plattenspieler... – „Papperlappapp“, argumentiert meine Sonne, „das waren andere Zeiten.“ Ich bemerke philosophisch, dass eigentlich immer andere Zeiten seien, gerade jetzt. Exakt in diesem Moment kommt Hans in die Küche, mit bebender Unterlippe. Er will schlichten. Dabei streiten wir gar nicht, sondern enden gewohnt hegelianisch: Ich habe Recht, und wir machen alles so, wie die Chefin wünscht.

Auch Hans. Der bleibt nämlich weg, weil er übt, und zwar ohne die teuren Kopfhörer, die ihm zu laut sind. Er würde uns nicht mal hören, wenn Mona mich mit einer Kettensäge filetierte. Wir versuchen zu ergründen, welches Stück es sein könnte. Es klingelt. Wahrscheinlich Amnesty, wegen Audiofolter.

Es begann damit, dass die Chefin dem Kind freie Instrumentenwahl verordnete. Sein großer Bruder hatte sich einst das Schlagzeug ausgesucht, was uns Bekanntschaften mit Menschen einbrachte, die sieben Häuser die Straße hinab wohnten. Karl hat wirklich nicht oft geübt, eigentlich nur, wenn alle Nachbarn aushäusig waren, wir idealerweise auch. Aber im Sommer hat man das Fenster nun mal offen stehen, was jene Spezialsorte von Meckerern aufstachelt, die von unserer Jugend zwar Weltmeister-Fußball und ESC-Siege fordern, aber nicht kapieren, dass vor jedem Triumph Jahre des Lärms stehen.

Hans hat sich für Gitarre entschieden, nicht leiser als die Drums, dafür unrhythmischer. Weil es auf der akustischen Gitarre eher eckte als perlte, entschied die Chefin, das Kind mit einer coolen E-Gitarre zu motivieren. Endlich würde das Wunderkind ans Licht kommen. Noch mehr Soli für Deutschland.

Früher fand ich „Smoke on the Water“ toll, für Luftgitarre und Mähneschütteln. Seit das Kind die charakteristischen drei Auftakttöne zum dreimillionsten Mal, aber immer noch nicht ganz rund gezupft hat, verfluchte ich Deep Purple dafür, nicht das Concierto de Aranjuez komponiert zu haben. Seit kurzem allerdings sehne ich mich nach „NöffNööffNöööf“ zurück. Denn nun sind wir bei „Last Christmas“, natürlich nur die ersten drei Takte. Wie viel Glühwein führt zu akuter Ertaubung?

Sollte jemand zufällig eine E-Gitarre unter einem Schöneberger Balkon finden – bitte trotz der Sturzspuren mitnehmen.