Mamas & Papas

Kombi statt Cabrio, Quetschobst statt Lippenstift

Sandra Garbers über die unaufhaltsame Verwandlung vom Party Animal zum Muttertier. Zum Glück ist alles nur vorübergehend.

Vor kurzem habe ich eine Bekannte getroffen, die aus meinem früheren Leben stammt. Als Parties noch ohne Luftballons stattfinden konnten, als ich nachts nicht wach war, weil das Baby noch eine Milch trinken will, sondern weil ich noch einen Aperol Sprizz trinken wollte. Als ich eher mit einem Bierbike durch Mitte gefahren wäre, als im Pipi-Wasser im Kinderbad zu stehen. Als ich Urlaubsunterkünfte noch nach Design und Wellnessbereichen statt nach Spielplätzen und Kinderbuffets ausgesucht habe.

Wenn jemand einen vier Jahre nicht gesehen hat, dann fühlt man sich plötzlich so, als hätte man sich selbst vier Jahre nicht gesehen. Und das kann ziemlich erschreckend sein.

Die Veränderung vom Party Animal zum Muttertier geschieht schleichend. Zuerst sind es die kleinen Dinge: Flache Schuhe sind viel praktischer als hohe beim Spazierengehen, außerdem kann man dem Laufrad so viel schneller hinterher sprinten, wenn es sein muss. Baumwoll-Shirts lassen sich besser waschen als Seidenhemden, das ist wichtig, wenn man ein Kleinkind hat, das sich noch nicht die Nase putzen kann. Taschen sind keine It-Bags mehr, sondern Beutel, groß genug für Windeln und Feuchttücher, Quetschobst und Trinkflasche, Wechselwäsche und Sandspielzeug.

Kinderwäsche kaufe ich in einem Geschäft, dass ich unter normalen Umständen niemals betreten hätte, weil es für Frauen mit Walle-Walle-Kleidern und Jesus-Latschen gedacht ist, aber dort gibt es die größte Auswahl an Wolle-Seide-Bodys aus artgerechter Tierhaltung. Die Schuhe sind vegetabil gegerbt.

Und dann die großen Dinge. Die Folgeinvestitionen, die so ein Kind nach sich zieht. Da wäre zunächst der Kombi. Als Kind ist man vielleicht selbst noch zu fünft im unklimatisierten Audi 80 in Urlaub gefahren. Mussten noch mehr Personen rein, auf Kindergeburtstagen zum Beispiel, kamen die in den Kofferraum. Wir leben noch.

Heute muss es noch vor Ankunft des ersten Kindes ein Kombi sein oder, noch besser, so ein Kastenwagen mit Schiebetüren und mehreren Rückbänken. Früher haben wir doch mal von einem Cabrio geträumt. Egal, das muss etwas Hormonelles sein, genauso wie der Wunsch nach einem Haus mit Garten, dem Wolle-Seide-Body der Immobilienbranche.

Zum Glück ist das alles nur vorübergehend. Die Dreijährige sagt bei jedem Wetter im Auto als erstes: „Schiebedach auf!“ Sie hat mehrfach vorgeschlagen, das Dach im Kombi abzuschneiden, damit daraus endlich ein Cabrio wird, das würde auch dem Hund besser gefallen. Welchem Hund? Vegetabil gegerbte Schuhe sind ihr herzlich egal, solange sie die nicht anziehen muss, sondern ihre rosafarbenen, brasilianischen Plastiksandalen tragen kann. Das sieht mir alles nach einem Sieg der Vernunft aus, wenn auch von völlig unerwarteter Seite. Nur über den Hund, da müssen wir noch mal reden. Braucht man für einen Hund nicht einen Kombi?