Vorlesen

Kinderbuch-Figuren sind manchmal quälend langweilig

Dem Kind vorzulesen ist ja eine schöne Sache - eigentlich. Denn die Vorlieben von Kindern sind mitunter merkwürdig. Leo Lausemaus und Conni nerven unsere Autorin Sandra Garbers zur Zeit ganz besonders.

Foto: Della_Valle / dpa

Das Tolle an Kindern ist, dass man seine Lieblingsbücher von früher wieder rauskramen und dann gemütlich, das aufmerksame Kind im Arm, auf dem Sofa oder im Bett vorlesen kann. Das ist die Theorie, denn das Blöde an Kindern ist wiederum, dass sie leider ihren eigenen Geschmack entwickeln und ganz andere Bücher lesen wollen. Ich sage Astrid Lindgren, meine Tochter sagt Leo Lausemaus. Ich sage James Krüss, meine Tochter sagt Bobo. Das alles ist aber noch nichts gegen die schlimmsten aller Vorleseabende. An denen sagt sie das ganz besonders schlimme Wort: Conni! Conni geht zum Zahnarzt, Conni übernachtet bei Julia, Conni schmiert sich ein Brot.

Wenn es ein Kind gibt, das ich wirklich aus tiefstem Herzen kein bisschen mag, dann ist es diese Conni. Conni macht alles richtig. Immer. Sie ist sauber, nett und adrett und macht die langweiligsten Dinge der Welt. Und ich muss das vorlesen. Manchmal tue ich so, als würde ich meine Tochter nicht verstehen. „Pony? Du willst ein Ponybuch? Ich hole schnell eins.“ – „Nein, Conni!!!!!“ – „Ja, sag’ ich doch, ich hole das mit den Islandponys.“ Das klappt leider nicht immer. Meine Tochter mag Conni.

Wenn Mama Lausemaus zur Arbeit geht

Noch schlimmer als die Langeweile ist aber das Frauenbild, das den Kindern in vielen, angeblich modernen Büchern vermittelt wird. Macht es Mama Lausemaus Spaß zu arbeiten? Freut sie sich darauf, auch mal andere erwachsene Menschen zu treffen, um über erwachsene Dinge zu reden? Oder hat sie sogar so etwas wie eine Karriere? Nein. Mama Lausemaus geht nur arbeiten, weil das Geld nicht reicht, das Papa Lausemaus mit nach Hause bringt. Deshalb ist sie gezwungen, arbeiten zu gehen. Leider, Leo Lausemaus, denn Mama würde viel lieber zu Hause Kakao kochen.

Immerhin besser als Bobo, dessen Mutter tatsächlich den ganzen Tag nur kocht und wäscht, Kakao kocht, tröstet und dessen Vater, dieser Langweiler, grundsätzlich schläft oder nicht gestört werden will beim Zeitunglesen. Desperate Housewifes schon für die Kleinsten. Oder, anders gesagt: eine perfide Form der Gehirnwäsche.

Die Klischees übernehmen die Kinder schnell

Und was soll ich sagen? Die Gehirnwäsche funktioniert. Letztens hatte meine Tochter einen Spielzeugporsche in der Hand, sie sagte zu meinem Besuch: „Da sitzt immer der Papa (Fahrersitz) und da sitzt Mama (Beifahrersitz).“ Ich sagte nichts. Aber es war an der Zeit, ihr das Gegenteil zu beweisen. Also holte ich sie statt mit dem Fahrrad öfters mit dem Auto aus der Kita ab. Jedes Mal, wenn wir zu Hause in die Tiefgarage fuhren, fing sie an zu jammern. „Was ist denn bloß los? Warum weinst du immer, wenn wir hier reinfahren?“, fragte ich sie. Die Antwort der Dreijährigen? „Weil du einfach nicht einparken kannst.“ – „Ich und nicht einparken können? Ich bin einer der besten Einparker, die ich kenne“, sagte ich. „Nein, Papa ist der beste Einparker. Der hat das ganz toll geübt.“ Ja, Conni.