Mamas&Papas

Eine besondere Krötenspezies

Susanne Leinemann über die Auseinandersetzungen zwischen Rad- und Autofahrern

Unsere Tochter legt ihre Fahrradprüfung ab. Seit drei Wochen büffelt sie fleißig über ihrem Heft von der Verkehrswacht. Keine Ahnung, wo die Verkehrswacht ihre Hefte entwirft – in Berlin jedenfalls nicht.

„Die Verkehrsampel zeigt grünes Licht und springt dann auf Gelb um. Was tust Du?“ Natürlich sollen die Kinder „Ich halte“ ankreuzen – aber ich bin nicht sicher, ob ein Berliner Kind jemals einen Radfahrer gesehen hat, der bei Gelb bremst, brav absteigt und mit einem Lied auf den Lippen auf Grün wartet. Berliner Radfahrer halten meist nicht mal bei Rot. Sie rollen halb auf die Kreuzung, passen die Lücke ab – und rüber! Absteigen tut der Berliner Radler nur einmal: Wenn er sein Ziel erreicht hat. Alles andere geht gegen die Ehre.

Früher sind nur Fahrradkuriere krawallig gefahren. Heute missachtet jede Wilmersdorfer Hausfrau auf ihrem teuren Damenrad die Ampel. Ich bin beides: Manchmal radle ich, manchmal fahre ich Auto. Als Autofahrerin muss ich höllisch aufpassen, muss die Radler im Auge haben, für sie mitdenken. Der Dank ist meist ein böser Blick, manchmal ein Stinkefinger. Radler verzeihen nichts. Sie sind ja die Guten.

„Ich habe Vorfahrt, bleibe aber bremsbereit“, schlägt die Verkehrswacht als Radler-Kodex vor. Bremsbereit? Dass ich nicht lache. Auf welchem Stern wohnen die denn?

Neulich mussten die Kinder miterleben, wie ich einen Radfahrer anbrüllte. Er brüllte natürlich sofort zurück. So ein Typ mit Kinderanhänger – ich wette aber, der fährt im Auto zur Arbeit. Ich parkte rückwärts aus, registrierte ihn und wusste, mir bleibt genug Zeit. Und was sehe ich? Der Blödmann, der eben noch gemächlich gefahren ist, tritt wie ein Irrer in die Pedale, damit er zwischen mir und der Parklücke durchwischt – und ich als Verkehrshindernis auf der Straße verharren musste. Kein Autofahrer würde das mit einem anderen tun. Hier ist Stadtverkehr, da lässt man auch mal einen vor. Nicht so der Radler. Knallrot im Gesicht, mit hängender Zunge, aber triumphierender Miene, zischte er vor uns vorbei. Er hatte Vorfahrt, er war im Recht! Und er war Radfahrer – ein guter Mensch. Er hatte es mir, dem Autoschwein, gezeigt. An der nächsten Ampel dann der Showdown, die Kinder konnten mein Gebrüll nicht fassen. „Das macht doch sonst nur der Papa!“

Inzwischen fahre ich wieder viel Rad. Es ist einfach praktisch. Und was musste ich erleben? Eine Radfahrerin kam einem Radfahrer in die Quere, beide gediegene Menschen. Das Gekeife war ohrenbetäubend, „Du Pisskröte“ war noch der harmloseste Ausdruck. „Pisskröte“ – über diese Spezies schreibt die Verkehrswacht nichts.