Mamas&Papas

Restaurantbesuch mit Konversation

Hajo Schumacher über Familien-Ausflüge zum Italiener

Wir sind eine ernährungsbewußte Familie. Deswegen bekommen die Kinder höchstens fünfmal die Woche Halbaufgetautes oder die Reste davon am nächsten Abend. So wissen sie den Restaurant-Besuch zu schätzen, den wir meist am Sonntagabend absolvieren. Schön, dass sich indische, afghanische und sogar schwäbische Exotik-Gastronomen in Laufweite angesiedelt haben. Aber kulinarische Experimente würden monatelange Abstimmungsverfahren bedeuten. Bei uns herrschte schon lange vor den Piraten „liquid democracy“ – mit dem Ergebnis, dass Vati immer verlor. Dann doch lieber konsensual zu Marco, dem Italiener unseres Vertrauens. Seit er das alberne Mannnschaftsfoto vom WM-Sieger 2006 abgehängt hat, müssen wir uns auch nicht mehr in den hinteren Teil der Gaststätte verkrümeln. Mit Blick auf Camoranesi kann ich mein verdientes Ossobucco beim besten Willen nicht genießen. Für die Osteria spricht außerdem die Langmut des Personals. Obgleich wir seit einem Jahrzehnt dort ausdauernd Rotwein über die Tischwäsche kippen, Familienzwiste im Sizilien-Style austragen und lautstark Berlusconi und Camoranesi verhöhnten, schaffen es die Kellner immer wieder, Freude vorzutäuschen, sobald wir in den Laden lärmen. Womöglich liegt es daran, dass wir Lebenszeichen aussenden. Andere Familien bringen es ja fertig, 60 Minuten am Runden Tisch durchzuschweigen, nachdem für alle 80 Gäste hörbar die Frage diskutiert wurde, ob der Heranwachsende sein Praktikum bei der Lufthansa oder doch bei einer Unternehmensberatung absolvieren möge. Zum Glück ist nebenan bald Ruhe, denn die Familie wendet sich dem Wesentlichen zu – der Elektronik. Das Hochleistungskind mümmelt an seiner allergenoptimierten Nudel und hackt derweil im Nasa-Server. Unter dem Vorwand, es sei was Dienstliches, starrt Vati in sein Smartphone, Mutti postet die Tageskalorien bei Facebook, während sich Töchterlein für Topmodel-Wettbewerbe bewirbt. Neidisch guckt Hans zum Nebentisch. „Vielleicht adoptieren sie dich“, sage ich aufmunternd. Mona guckt böse und versucht, ein kindgerechtes Thema anzusprechen. „Müsst ihr noch viel für die Schule machen?“ Volltreffer. Karl taucht unter den Tisch, als habe er was verloren, Hans übt sich in seiner Paradedisziplin Taubstellen. „Blöde Frage“, murmele ich aufmunternd. „Sorg Du doch für Unterhaltung“, giftet sie. Ich wünschte mir vier Smartphones. Grübeln. Womit kriegt man Sieben- und 18-Jährige gleichermaßen zum Tischgespräch? Hertha? Wetter? Popmusik? Ich hab’s: Star Wars, geht immer. „Wer ist der beste Kumpel von JarJarBinks?“ fragte ich lässig. Ich hatte den Namen mal irgendwo aufgeschnappt. Andächtiges Schweigen der Jungs, dann begann eine wüste Debatte. Ein ehefraulicher Stolzblick belohnte mich. Heissa, meine Familie kann sprechen.