Die Eltern-Kolumne

Die Masche der Jungen

Susanne Leinemann über geschlechtsspezifische Ausreden

Seit einiger Zeit leben wir ohne Spülmaschine. Das ist hart. Der tägliche Abwasch eines Vierpersonenhaushalts macht wenig Freude. Wir kochen seitdem anders, geschirrökonomischer halt. Unser Lieblingskochbuch heißt im Moment: „Die 100 besten Rezepte für Gerichte aus einem Topf!“. Einen Topf kann man gerade noch spülen, ohne dass die Laune in den Keller geht. Bei drei Töpfen dagegen wird es wirklich bitter.

Pädagogisch ist jetzt allerdings eine wichtige Zeit. Die Kinder müssen mit ran! Sie trocknen ab, ob sie nun wollen oder nicht. Denn wenn sie nicht helfen, dauert die Spülaktion viel zu lange.

Unsere Tochter packt nur nach unmissverständlicher Aufforderung mit an. Das ist nicht böse gemeint, sie hat halt meist etwas anderes vor. Denn sie steckt immer voller Pläne. Mal bastelt sie eine Rakete aus Papprollen, mal muss sie dringend eine Hummel retten, die halbtot auf dem Balkon liegt („Ein Notfall, Mama!“). Bittet man sie aber freundlich: „Kannst du abtrocknen?“, greift sie ohne großes Murren zum Handtuch, arbeitet flink und stellt zügig das abgetrocknete Geschirr in den Schrank. Voilà – Abwasch ist erledigt und die Hummel kann auch noch wiederbelebt werden.

Unser Sohn ist anders. Er fragt manchmal von sich aus, ob er mithelfen soll. An guten Tagen kann er erstaunlich hilfsbereit sein. Jedes Messer, jede Tasse, jeder Topf wird danach gründlich poliert. Wunderbar. Doch dann steht er mit dem abgetrockneten Geschirr in der Küche, schaut mich mit großen Augen an und fragt: „Und wo kommt das jetzt hin?“ Als hätte er zum allerersten Mal die Küche betreten. Anfangs antwortete ich noch freundlich, doch nach dem dritten Abwasch wurde ich misstrauisch. Der Kerl ist doch nicht doof. Der kann sich locker ein paar Regale und Schubladen merken. Dahinter steckte doch eine Strategie. Meine Tochter grinste mich irgendwann breit an: „Kommt dir das nicht bekannt vor?“

Klar! Mein Mann hat die Masche nämlich auch drauf. Manchmal bitte ich ihn morgens, wenn es hektisch wird, dem Sohn beim Anziehen zu helfen. Sachen rauslegen halt. Garantiert erschallt dann kurz danach einverzweifelter Ruf aus dem Kinderzimmer: „Schatz, kannst du mir helfen? Ich kenne mich im Kleiderschrank der Kinder nicht aus.“ Der Gatte klingt so überfordert, als stünde er gerade im Inneren eines Atomreaktors. Ein Griff in das falsche Hosenfach, schon steht die Kernschmelze bevor.

Sonderbar – Vater und Sohn, beide sind nicht faul im Haushalt. Doch ihr Y-Chromosom zwingt sie offenbar, nach einem Schlupfloch zu suchen. Stellen sie sich nur blöd genug an, eile ich womöglich herbei und sage: „Gebt her, ich mache das. Dann geht es schneller.“ Tja, Jungs, tut mir leid. Keine Chance.