Mamas & Papas

Nachwuchs-Spezialist mit guten Noten

Wir sind eine technikaffine Familie. Wir begrüßen es, wenn unsere Kinder früh an den Computer gewöhnt werden. Vor dem Rechner lernen sie bestimmt Programmieren oder was für die Schule oder vernetzen sich mit jungen Menschen anderer Kulturen oder erfinden den Nachfolger von Facebook und machen ihre Eltern stolz und vor allem reich.

Vielleicht aber auch nicht? Immer wenn ich dem Großen ganz beiläufig über die Schulter schaue, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, es schieße plötzlich eine Wikipedia-Seite auf den Bildschirm, wie eine Jalousie. Garantiert nur eine Tarnung. "Ähm, also, was...?", frage ich und ernte einen mitleidigen Blick. "Was guckste denn gerade so?", fragt der Ernährer jugendlich-lässig. "Ooch, nichts." Meine absolute Lieblingsantwort. Inzwischen habe ich vollstes Verständnis für meine eigenen Eltern, die mir für jedes "Ooch, nichts" eine Backpfeife gegeben hätten, wenn ich dank meiner legendären Grundschnelligkeit nicht blitzschnell abgetaucht wäre. Die Übersetzung von "Ooch, nichts" heißt exakt: Ey Alter, nerv' nicht rum. Du kapierst sowieso nicht, was hier abgeht. Am besten verkrümelst Du Dich einfach mal hurtig.

Die pädagogisch korrekte Antwort auf "Ooch, nichts" muss daher lauten: "Kann ich mal Deine Hausaufgaben sehen?" Na gut, es ist nicht sehr cool, einem jungen Mann, der in wenigen Monaten die Volljährigkeit geschafft hat, mit Kontrollkram zu kommen. Andererseits muss klar sein, wer hier das Sagen hat, solange der Bengel seine Füße unter meinen Tisch stellt. "Haben nichts auf", erklärt er. Ach nee, die Geschichte habe ich zufällig schon mal gehört. Nichts auf hatte ich 13 Schuljahre lang. Es stimmte nur nie.

Also gut, Sportsfreund, dann eben die letzte, alles entscheidende Kugel. "Zeig' mir doch mal Deine Hefte." Genervtes Stöhnen. Ha, jetzt habe ich ihn. Einziges Problem: Ich darf kein allzu dummes Gesicht machen, wenn es wieder um "Mitose" geht. Außerdem sollte ich diesmal "Infinitesimalrechnung" möglichst flüssig aussprechen. In demonstrativer Zeitlupe schaufelt der Lümmel den Inhalt seiner besorgniserregend schmalen Schultasche auf den Schreibtisch. Zwischen Kekspapieren und Club-Flyern tauchen tatsächlich Fragmente von Schulheften auf. Mathe lege ich erst mal zur Seite, den naturwissenschaftlichen Kram auch. Aha, Geschichte. Da fühle ich mich halbwegs sicher. Mmm, Römische Verträge, das war doch was mit Europa. "Letzte Hausaufgabe", erklärt der Nachwuchs. Überraschend sauber die Handschrift, Zahlen, Daten, Fakten offenbar mit Verstand niedergeschrieben. Von mir hat er das nicht. In roter Lehrerkrakelschrift steht darunter: "Eine sehr stringente Analyse. Weiter so." Solch ein Satz stand bei mir niemals unter einer Hausaufgabe. Die Arbeit mit dem Computer wirkt sich eben doch positiv aus auf die Kinder.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann.