Mamas & Papas

Der Tauschwert von Gurkenschnitzen

Wir sind eine ernährungsbewusste Familie. Manchmal kaufen wir sogar Salat ein, wegen des guten Gewissens und der Ballaststoffe, die dann allerdings meist den Verdauungstrakt des Ernährers verstopfen, weil die Jungs nur Möhren mögen oder Paprika, aber nur die gelben, und die Chefin sehr wählerisch bei der Sorte ist.

Gesunde Ernährung ist wirklich wichtig, vor allem in der Brotbox. Der Nachwuchs muss mit Hochleistungstreibstoff betankt werden. Wie sonst wollen wir gegen die Chinesen bestehen, die ihre Weltmacht nur Reis und Gemüse zu verdanken haben und nicht Cola und belgischen Waffeln, die zu 120 Prozent aus lebendbedrohlichen Kohlehydraten bestehen.

"Ich habe Dir Gurkenmonster geschnitzt", rufe ich gut gelaunt zum Frühstückstisch, wo ein Erstklässler hinter einem Micky-Maus-Heft schweigend Müsli löffelt. "Ich hätte mich früher total über so tolle Gurkenmonster gefreut", erkläre ich und versuche, die Würgegeräusche hinterm Heft zu überhören. In einer Frauenzeitschrift, die ja das neue Männermagazin ist, habe ich gelesen, dass das Wichtigste an einem guten Schulfrühstück der Tauschwert sei. Noch vor Unterrichtsbeginn scheint es wie auf dem Basar zuzugehen: Alle öffnen ihre Brotboxen und zeigen die mitgebrachten Nährwerte vor. Dann wird getauscht. Der Vegetarier gibt zwanzig Gummibärchen für eine Wurststulle, der zuckerlos Aufgewachsene zwanzig Wurststullen für ein Gummibärchen. Zucchinilappen oder Dinkelbrot entsprechen etwa dem Wert der Drachme. Deswegen bekommt mein Sohn Gurkenscheiben mit Grusel-Visage. Trick! So was total Ausgefallenes wollen bestimmt alle haben. Wurst mit Gesicht funktioniert ja auch.

"Was bekommst Du eigentlich, wenn du meine total gruseligen Gurkengesichter tauschst?", frage ich Richtung Micky-Maus-Heft. Schweigen. "Sag' schon", flehe ich, innerlich bereit für traumatische Verletzungen. "Dennis' Schokolade bekomme ich dafür jedenfalls nicht", klagt das Kind leise. Albtraum eines Vaters: Wahrscheinlich darf mein Kleiner allenfalls die Alufolie aufklauben, in der Dennis all seine Schätze eingepackt hat. Daraus formt sich unser Sohn in einer stillen Ecke dann ein Gummibärchen, das er hungrig anstarrt, während die anderen wüste Zucker-Orgien feiern. Oder er stibitzt sich vom kalten Boden des Pausenhofs die Folie von einem der drei Dutzend Schokoriegel, die Dennis' in einem Bollerwagen jeden Morgen in die Schule zieht. Und dann schnuppert er den ganzen Tag lang an der Folie, die er schon sieben Mal ausgeleckt hat. Die Gurkenmonster versucht mein Kind derweil im Klo wegzuspülen. Mit bitterer Tapferkeit schiebe ich mittags im Supermarkt an den Süßigkeiten vorbei. Doch warum eigentlich? Paah. Ich lade Riegel, Tafeln und Tüten ein. Ab sofort tauscht das Imperium zurück. Morgen ist mein Junge der König auf dem Pausenhof.

In der kommenden Woche schreibt hier wieder Susanne Leinemann.