Mamas&Papas

Der Tunnelblick der jungen Männer

Der männliche Tunnelblick - Sebastian Vettel hat ihn, wenn er auf der Rennstrecke dem Ziel entgegenrast. Dieter Bohlen, wenn er ein Mikro sieht. Und mein Sohn, sobald der Fußball rollt.

Dann sind seine Augen allein auf das Feld gerichtet - die Welt um ihn herum existiert nicht mehr. Was außerhalb seiner starren Sichtachse liegt, interessiert ihn nicht; da könnten vermutlich auch seiltanzende Hunde oder verkleidete Elefanten vorbeikommen. Alles egal. Hauptsache die Sicht auf das Spiel bleibt frei.

So ein Tunnelblick führt leider zu gestörtem Sozialverhalten. In unserer Grundschule fand jetzt ein tolles Fußballturnier statt, es ging um Medaillen, Pokale und natürlich um die Ehre. Die Turnhalle verwandelte sich binnen Minuten in einen Hexenkessel. In der Gruppe unseres Sohnes verlor seine 1b schließlich in einem nervenzerfetzenden Elfmeterschießen knapp gegen die 2a. Sieger der Herzen! Stolz setzte er sich mit seiner hart erkämpften Medaille auf die Bank. In der Halle wurde schon wieder gespielt, seine Schwester stand jetzt auf dem Feld.

Freudig ging ich auf meinen Sohn zu. "Gratuliere!", rief ich, meine Arme mütterlich weit ausgebreitet. Und was tut er? Streckt mir die Hand hin: "Danke", sagt er tonlos. Dabei schaut er mich nicht mal an, seine Augen kleben am Ball, der hinter mir über den Turnhallenboden flitzt. Tunnelblick halt. Verdutzt schüttle ich meinem eigenen Sohn die Hand - und komme mir dabei reichlich blöd vor.

"Was war das denn?", frage ich verstört eine Freundin, die uns grinsend beobachtet hat. "Gewöhn' dich dran, so sind Jungs", antwortet sie. Ihr Sohn hat bereits die Pubertät erreicht. Sie weiß, wovon sie spricht.

Tatsächlich häufen sich in letzter Zeit die Anzeichen, dass unser Sohn die Realität nur beschränkt wahrnimmt. Nehmen wir seine Klasse. Für ihn existiert nur eine Hälfte: die Jungs. Die Mädchen dagegen sind Luft für ihn. Spielen schließlich nicht Fußball.

Vor kurzem brachte ich unseren Sohn in Verlegenheit. Ich bat ihn, einer Klassenkameradin ein Buch zu überreichen, damit die es an ihre Mutter weitergibt. Der Sohn wurde blass. Starkes Kauen auf der Unterlippe. "Ist irgendwas?", hake ich nach. Plötzlich hellt sich die Miene auf. "Ich gebe das Buch Samuel. Samuel versteht die Mädchen besser als ich." Alles klar - kein direkter Kontakt mit dem anderen Geschlecht. Wir erziehen unseren Sohn doch nicht saudi-arabisch. Was machen wir falsch?

Es gibt Hoffnung. Nehmen wir den letzten Oma-Besuch. Bei der Begrüßung nahm die den Enkel liebevoll in den Arm, er zappelte rum. "Sag doch mal 'Guten Tag'", sagte die Oma vorwurfsvoll. "Siehst du mich überhaupt?" Da schaute er hoch, blickte ihr tief in die Augen. "Ich sehe nur dich", antwortete er äußerst charmant. Jetzt ahne ich, was Männer mit ihrem Tunnelblick alles anstellen können.

Kommende Woche schreibt hier wieder Hajo Schumacher. Das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern", Diana Verlag, 12,99 Euro, gibt es im Handel.