Mamas & Papas

Verbal-Karate für Notlagen

Wir sind eine gastfreundliche Familie. Freude herrscht, wenn die Kinder Übernachtungsbesuch ankündigen. Leider enthält der Große seinem Ernährer konsequent jene Abiturientinnen vor, von denen er ausdauernd schwärmt. Dafür bringt der Kleine gern einen seiner Kumpels mit. Neulich war Dschingis zu Gast.

Dem Gepäck nach plante er einen mehrmonatigen Aufenthalt. Offenbar hatte er seine Jurte mitgebracht. Missverständnis. Dschingis heißt nicht so, weil seine Eltern aus der Steppe eingewandert sind, sondern aus Ostwestfalen, wo man noch auf Namens-Exotik schwört.

Interessanter Junge. Neben drei Sätzen Wechselklamotten, Handtüchern, Bademantel und einem Festmeter Kuschelgetier hatte der Knirps eine Kühltasche mit veganem Proviant dabei, der allerdings vor sich hin welkte, da wir eine unökologische Pizza auf den Tisch zauberten. Käsetriefende Tiefkühlkost wirkt wie eine Droge auf Nachwuchs-Vegetarier. Beidhändig stopfte Dschingis sich die klebrige Masse in den Mund, nur unterbrochen von einem "Stopp!", sobald jemand von uns ein Stück zu ergattern versuchte. Stopp - das war sein Zauberwort, an dem sich ein Kampf der Erziehungskulturen erkennen ließ. Die Regel ging so: Wann immer dem Kind etwas missfiel, brüllte es: "Stopp!" Ursprünglich war der Stopp-Schrei gedacht für Situationen, in denen sich Dschingis unwohl oder unterlegen fühlte, wenn Hans ihn würgte oder seine Lego-Kunstwerke zerlegte. "Stopp!", das war Verbal-Karate für Notlagen. Der Angreifer müsse umgehend aufhören, egal womit, erklärte Dschingis.

Leider betrachtete der Bengel das ganze Leben als Notlage. Kaum nahm ich die Fernbedienung zur Hand, um den TV-Konsum zu beenden, da erschallte ein "Stopp!" Befehl zum Zimmeraufräumen - "Stopp!" Zähneputz-Appell - "Stopp!" Schön, wenn Kinder mit modernen Selbstverteidigungstechniken ausgerüstet werden. Nicht so schön, wenn damit jegliche Autorität vernichtet wird. Denn natürlich hatte Hans das Stopp-Spiel schnell begriffen. Kaum näherte ich mich der Kinderzimmertür, um die Nachtruhe einzuläuten, schallte mir ein "Stopp"-Duett entgegen. Ein pädagogisches Dilemma. Ignorierte ich das Dauer-Stopp und zeigte den kleinen Kröten, wer der Herr im Haus ist, würde Dschingis mich bei seinen Eltern verpetzen. Ich hätte eine langwierige und ergebnislose Erziehungsdebatte am Hals. Fügte ich mich in die Stopp-Diktatur, machten die Kinder die Nacht durch. Verzweifelter Anruf bei Dschingis Mama. "Einfach 'Doppel-Stopp!' sagen", erklärte sie, "aber nur in Notfällen." Zwei Dutzend Doppel-Stopps später lagen die Jungs endlich im Bett. Die von Hans angezettelte Debatte, ob ein "Dreimal-Stopp" das "Doppel-Stopp" aufheben würde, hatte ich aufs Frühstück verschoben. Dann werde ich den Kindern erklären, dass "Dreimal-Stopp" nur in einem einzigen Supernotfall gilt: Wenn sich schwer erziehbare Übernachtungsgäste anmelden.

Kommende Woche schreibt hier wieder Susanne Leinemann. Das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern." Diana Verlag, 12,99 Euro, gibt es im Handel.