Mamas & Papas

Vorsicht, bissiger Berliner!

| Lesedauer: 3 Minuten
Susanne Leinemann

Der Tag musste kommen in dieser hundevernarrten Stadt. Mann beißt Hund? Nein, Hund schnappt nach Kind. Zum Glück hat er nicht richtig zugebissen - nur ein deutlicher Eckzahnkratzer an der Wade meines Sohnes und der Hundesabber am Bein.

Im Grunde hat sich der Hund, auf dessen Pfote mein Sohn mit seinem sechsjährigen Fuß aus Versehen getreten war, noch einigermaßen im Griff gehabt. Was man von seinem Besitzer nicht sagen konnte.

Die Kinder und ich hatten unseren Stammkiosk betreten - kurz vor dem Fußballtraining, wir wollten rasch noch etwas zu trinken holen. Der Kiosk ist klein, sind mehr als drei Kunden im Raum, wird es eng zwischen Zeitungsauslage und Lottoaufsteller. Meine Tochter bat um eine Süßigkeit, es stehen da immer die verführerischen Fruchtgummischlangen herum, der Sohn wollte auch etwas. Derweil war unbemerkt von uns dreien ein Mann mit seinem Hund eingetreten. Der Hund machte es sich auf dem Boden gemütlich, dicht hinter meinem Sohn. Wäre dies ein Film, würde jetzt die Musik bedrohlich anschwellen. Und tatsächlich, ich hatte eben gezahlt, da trat mein Sohn, ohne sich umzudrehen, einen Schritt zurück - ein Jaulen erklang im Kiosk, eigentlich mehr ein Quieken, der Hund sprang weg, der Sohn schrie auf und rannte raus.

Erschrocken drehte ich mich um und brauchte einen Moment, um die Situation zu kapieren. Sah den Hund, kombinierte Hundejaulen und Kindergeschrei. Alles klar. Ich rannte meinem Sohn hinterher. In Tränen aufgelöst, stand er auf dem Bürgersteig und zitterte am ganzen Leib. Ich suchte sein Bein ab, entdeckte die Schramme und griff in den Sabber, der überall am Bein verteilt war. Und als ich hoch schaue, was sehe ich?

Hundebesitzer samt kerngesundem Hund machen sich aus dem Staub, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Hauen einfach ab. Keine Nachfrage, kein Abwarten. Keine Entschuldigung.

"He, Sie!", brülle ich dem Mann hinterher. "Hauen Sie nicht einfach ab - ihr Hund hat meinen Sohn gebissen." Der dreht sich um und brüllt mich an: "Ihr Sohn hat meinem Hund auf die Pfote getreten." Super, jetzt brüllen wir beide. Berliner Lokalkolorit. Die Gäste im Café an der Ecke schauen interessiert herüber - hey, in der Hauptstadt ist immer was los. Jetzt bin ich dran. Warum er seinen Hund nicht wie alle anderen Hundebesitzer draußen anleine, schreie ich wütend, der Kiosk sei schließlich klitzeklein.

Was kommt zurück? Ein hingeschnauztes "Blöde Kuh!" Weg ist er, samt Töle. Den heulenden Sechsjährigen lässt er einfach stehen. Ohne die leiseste Spur von Mitleid. Von Recht und Anstand wollen wir gar nicht reden.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher. In diesem Monat erscheint das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern." Diana Verlag, 12,99 Euro.