Mamas & Papas

Der lange Weg zum Staatsbürger

Wir sind eine staatsbürgerlich bewusste Familie. Jetzt, da auch Sohn Nummer zwei jenem Bildungssystem übergeben wird, das wir ihm zusammengewählt haben, ist es an der Zeit, dem Kind demokratisches Untertanenbewusstsein beizubiegen.

Einen Besuch beim Tag der Offenen Türen in den Bundesministerien fanden wir allerdings zu früh. Nachher verliebt sich Hans noch in Ursula von der Leyen und bringt sie mit nach Hause. Der erste politische Kontakt von Kindern sollte ohnehin nicht mit Christdemokraten stattfinden; Roland Koch hat dieses Trauma bis heute nicht verarbeitet.

Mit den Zetteln aus der Briefwahl mochten wir den Kleinen auch nicht heimsuchen. Er würde sich sowieso für den Tierschutz entscheiden oder für Kandidaten, die nach Starwars aussehen. Davon gibt es zwar eine Reihe, aber die sind in einer falschen Partei. Wie erzieht man Kinder zu guten Staatsbürgern? Mit einer Radtour natürlich. Wir parken auf der Wiese vor dem Reichstag, mit dem Kanzleramt im Rücken. Hans will sein Eis haben, das ich ihm für den Fall ausdauernden Zuhörens plus gelehrigem Gesichtsausdruck in Aussicht gestellt habe. "Hier gibt's kein Eis", erkläre ich mit Relevanz in der Stimme, "hier gibt's Politik." Verdammt, habe ich das Kind jetzt entpolitisiert, weil ich Vergnügen und Volksvertreten als unvereinbare Gegensätze dargestellt habe?

Hans jedenfalls verweigert sich maulend der Erhabenheit des Moments, was auch daran liegen mag, dass gleich drei Reisebusse hinter uns halten und wir auf etwa 3000 Berlin-Fotos verewigt werden. Was die Leute wohl denken, wenn sie die Bilder zuhause betrachten? Wahrscheinlich so was wie: Warum zerstören diese Hauptstadt-Prolls mit ihren Rädern den kostbaren Reichstagsrasen?

Was ist der "Reistag?", will Hans wissen. "Reichstag", korrigiere ich meinen Sohn. "Reistag", korrigiert er seinen Vater. Offenbar geht Hans davon aus, dass dieses in der Tat recht unpraktische Gebäude mit dem Deckel obendrauf eine Art riesiger Kochtopf ist. Oder ein Asia-Erlebnis-Restaurant, wo aus Mohrrüben nicht nur Schwäne, sondern ganze Gesetzesvorlagen geschnitzt werden. "Tjaha, der Reistag", erkläre ich, "da sitzt die Macht." Hans guckt zur Casa Merkel. "Und da? Da doch auch, oder?" Sollte ich ihm erklären, dass Parlamente theoretische Macht bedeuten, Kanzlerämter dagegen sehr praktische? "Da gibt's Nudeln", sage ich stattdessen, "immer dienstags. Reistag ist Mittwoch." Wir könnten jetzt noch am Schloss Bellevue vorbeiradeln und die Sache mit dem Staatsoberhaupt und der Macht klären, und dass es dort donnerstags Kartoffeln gibt. Aber wir wollen das Kind am Anfang nicht überfordern. Jetzt ist erst mal Eistag.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann. Im September erscheint das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern." Diana Verlag, 12,99 Euro.