Mamas & Papas

Zum Vorsprechen beim Kinder-TÜV

Wir sind eine vorausschauende Familie. Seit Jahren wissen wir, dass Hans in diesem Sommer eingeschult wird, sofern keine Reform dazwischen kommt.

Ausdauernd malen wir dem Kleinen griechische Buchstaben in den Joghurt, üben die Grundrechenarten mit Hilfe von Gummibärenhaufen und arbeiten ein Fachbuch mit den gebräuchlichsten Flüchen der Welt durch. Vielleicht schaffen wir sogar die Königsdisziplin "Schuhezubinden", notfalls in einem Ferien-Seminar. Dennoch scheint uns die Schulbehörde zu misstrauen. Unlängst kam die Einberufung zur Eingangsuntersuchung. Ach Du Schreck. Wir haben gar nicht geübt. Darf ich vorsagen? Was ist, wenn unser Kind durchfällt? Kommt Senator Zöllner dann im Super-Nanny-Kostüm durch unser Wohnzimmerfenster geflogen und guckt, ob unterm Sofa gestaubsaugt wurde?

"Du musst nicht nervös sein", erklärte ich Hans an der Klingel des Kinder-TÜV mit bebender Stimme. Er guckte mich fragend an. Ihm war die Tragweite der nächsten Stunde nicht bewusst. Vorsichtshalber hatte ich ihm dreimal die Zähne geputzt und kontrolliert, ob er aus Versehen zwei gleiche Socken angezogen hatte, ohne Löcher, was praktisch unmöglich ist.

Im Wartezimmer saß ein griechischer Vater mit seinem Prinzen. Während Hans das Spielzeug lärmend auseinander warf, debattierte der Sohn Hellas' mit dem Herrn Vater über Getriebetechnologie bei Mondautos. Hans versuchte, die Lampe mit Bauklötzen zu treffen. So hat Dirk Nowitzki auch angefangen. Wenn hier versteckte Kameras angebracht sind, kommt der Bengel bestenfalls zur Baumschule.

Endlich an der Reihe. Hans wird gewogen und vermessen, barfuß. Dummerweise hatte ich die Zehennägel vergessen, seit Weihnachten ungefähr. Sind Maulwürfe in der ersten Klasse erlaubt?

Dann Stufe zwei: Eine Kinderärztin mit Röntgen-Blick. Sie sagt dumme Dinge wie "Marangula", "Kiribiri" und "Fangofänger". Hans lacht sich schlapp, wiederholt aber fehlerfrei. Doch ein Wunderkind. Dann Kreise bunter Punkte, in denen sich angeblich Zahlen verbergen. Ohne LSD erkenne ich bestenfalls eine 438,7. Hans dagegen findet 5 und 9 beim ersten Blick. Verstohlene Tränen des Vaterstolzes.

Schließlich das große Finale: Wörter ergänzen. "Scho-olade" geht fehlerfrei, "Kro-odil" auch, nur bei "Flugzeu-" sagt Hans "Flugzeugträger". Frau Röntgen guckt mich fragend an. "Er guckt mit seinem großen Bruder manchmal historische Filme", erkläre ich fast wahrheitsgetreu. In Wirklichkeit hocken die beiden gebannt vor Krawall-Dokumentationen über Kriegsgerät und historische Schlachten. Jede Klasse braucht einen Preußen. "Alles in Ordnung", sagt Frau Doktor und weist uns die Tür. "Ohne Flei- kein Prei-", erkläre ich Hans auf dem Weg zur Eisdiele. Jetzt erstmal zwei Kugeln Scho-olade, in der Waffe-.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann.