Mamas & Papas

Berlin, ein Dauerfreizeitpark

Früher - noch vor wenigen Jahren, ach, was sage ich, vor Monaten - mussten wir die Kinder beruhigen, täglich, nächtlich, immer wieder. Die Nerven! Es reichte, unbedacht eine Apfelsaftschorle-Flasche aufzudrehen, um ein Riesengebrüll auszulösen: "Ich wollte die Flasche aufdrehen, Mama, ich! ICH-ICH-ICH!!!" Das hat sich geändert. Inzwischen beruhigen die Kinder uns. Aber der Reihe nach.

Berlin ist ja ständig abgesperrt. Irgendeine Volksgruppe, Partytruppe oder Trendsportart rollt, radelt oder rennt praktisch jedes Wochenende durch die Stadt. Die Folge? Straßensperrungen ohne Ende. Manchmal denke ich, Berlin ist keine Metropole, Berlin ist ein Dauer-Freizeitpark. Warum ich das alles erzähle? Wir steckten fest.

Am Steuer unseres Autos saß mein Mann, auf dem Beifahrersitz meine Schwiegermutter, die uns besucht hatte. Eigentlich wohnt sie in Hessen, jetzt sollte es im ICE heimgehen. Für eine 82-Jährige ist eine ICE-Fahrt an sich schon anstrengend. Also wollten wir sie wenigstens zum Bahnhof fahren - zum Ostbahnhof, damit sie in Ruhe in den noch leeren ICE steigen konnte. Leider hatten wir die Rechnung ohne das große Fahrradrennen gemacht.

Auf die erste Absperrung trafen wir beim Landwehrkanal. Leise fluchend bog mein Mann nach Kreuzberg ab. Zufällig hatte ich eine Tageszeitung dabei, mit einer ungefähren Karte des Radrennverlaufs. Zu ungenau! Am Kottbusser Tor kamen wir schon wieder nicht weiter. Die Uhr tickte, die Abfahrtzeit des Zuges rückte näher. Meine Schwiegermutter hielt sich tapfer, mein Mann fluchte lauter.

Also wenden. Wir witzelten irgendwas von "Stadtführung", doch die Stimmung im Auto sank. Stau. Noch ein Stau. Seit über einer Stunde irrten wir jetzt durch Berlin. Immerhin - der Ostbahnhof schien zum Greifen nahe. Großes Ausatmen im Auto. Aber was war das - ein rot-weißes Gitter schob sich in den Weg, dahinter glückliche Radler mit quietschbunten Radlerhelmen. Während mein Mann mit offenem Mund auf die Sperre starrte, winkte ein Ordner ungeduldig: "Los, abbiegen!" Der Bahnhof lag in Laufnähe, aber meine Schwiegermutter kann solche Strecken nicht mehr laufen. Ich dachte: Jetzt flippt er aus. Jetzt gibt mein Gatte Gas und rast durch die Sperre. Und morgen liest man in der Zeitung: "Vater zweier Kinder fährt Amok. Die Oma saß mit im Auto." In diesem Moment setzten die Kinder mit ihrem rettenden Gesang ein: "Versuch's mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit, und wirf' die ganzen Sorgen über Bord!" Und was passierte? Mein Mann begann zu lachen. Die Wut war weg.

Fazit: Oma hat den Zug verpasst. Die Radler hatten einen schönen Tag. Aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert. Dank unserer Kinder!

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher