Mamas & Papas

Das ganz große Schweigen

Uns fehlen die Worte. Wir wissen nicht mehr, wie wir unseren Kindern die schrecklichen Bilder aus Japan erklären sollen - erst das Meer, plötzlich der Feind allen Lebens. Küsten, Städte wie wegradiert. All die Menschen in überfüllten Turnhallen, Kinder dazwischen, nur wenige weinen, alles scheint so seltsam still.

Unser Sohn, neugierig: "Warum tragen die Mundschutz?" Unsere Tochter versucht zu begreifen, was ein Atomkraftwerk denn genau ist. "Fukushima" kann sie schon stolperfrei sagen. Kernschmelze, Kühlwasser, Strahlenwolke - sonderbare, nicht begreifbare Wörter. Wir Eltern werden immer stummer, weil das eine Dimension des Leides ist, zeitnah in unsere Wohnzimmer gesendet, die wir zeitlebens noch nicht erlebt haben.

Die Kinder scheinen trotz allem nicht übermächtig beeindruckt. Japan liegt unendlich weit weg. Am Ende bleiben es Bilder, die sie nicht wirklich als Realität verbuchen. Jeder Tag ihrer Kinderwelt ist viel stärker. Sie genießen es, endlich wieder draußen zu spielen. Kicken. Rennen. Sammeln. Im Tiergarten sitzen und schnitzen mit ihren Schnitzmessern. Und wenn es abends kühler wird, Legolandschaften bauen im Kinderzimmer. Sich kabbeln. Sich versöhnen. Sich fangen und kriegen. Und bevor sie schlafen gehen, "Urmel"-Geschichten vorgelesen bekommen wie immer.

Es ist nicht wie immer. Im Auto läuft nicht mehr Radio Teddy, jetzt läuft Deutschlandfunk - eine neue Schreckensmeldung? Während ich durch die Straßen Berlins fahre, gackern hinten meine Tochter und ihre beste Freundin. Ein Nachmittag nach der Schule, eben war Blockflöten, gleich ist Fußballtraining. Eine Frau im Radio fasst den Stand der Dinge in Japan zusammen, der Bericht will gar nicht enden, ich versuche, jedes Wort aufzusaugen, doch die Mädchen hinten werden immer lauter, aufgedrehter. Mir reißt der Geduldsfaden, die Anspannung der letzten Tage bricht heraus - von fern einem Albtraum zusehen müssen, der nicht enden will, der immer albtraumartiger wird. Mein Mann ist durch Tokio gelaufen, noch nicht lange her. Jetzt fliehen die Bewohner der größten Stadt der Welt vor dem Nuklearwind.

"Seid sofort still", brülle ich. Und sie sind sofort still. Alle beide. Hören zu, sehr genau, ich spüre das. Plötzlich kommt mir in den Sinn, wie meine Mutter 1944 verbotenerweise unterm Esstisch hockte, damals so alt wie meine Tochter. Die Tischdecke verbarg sie. Oben saßen meine Großmutter und ihre Freundin eng beieinander und hörten BBC, den Feindsender, um zu erfahren, wo die Front wirklich verlief. Meine Mutter, damals acht, saugte jedes Wort auf. Momente, die sich einbrennen, noch Generationen lang. Momente wie dieser jetzt. Als ich mein Auto parke, sind die Mädchen stumm.

Nein, wir haben keine Worte mehr. Mit den Kindern sind wir zur japanischen Botschaft gefahren und haben Blumen niedergelegt. Was sonst sollten wir tun?

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher