Mamas & Papas

Einmal Erziehung Peking-Style, bitte!

Wir sind eine literarisch interessierte Familie. Wir kaufen jedes neue Fachbuch zu Erziehungsfragen und schaffen manchmal sogar das ganze Vorwort. Mehr brauchen wir meist auch nicht, um die Botschaft zu kapieren.

Fasziniert von den revolutionären Erkenntnissen - Tyrannen, Glück, Disziplin, Pekip, Burnout - setzen wir die Tipps umgehend in der Kinderarbeit um, mindestens zwei Wochen. Unsere Jungs haben den Umgang mit situativer Pädagogik gelernt, ihre Seelen sind gestählt in der Kunst der Flexibilität. Zwischen ein paar Ohrfeigen und einem einfühlsamen Gespräch liegt bisweilen nur ein Vorwort. Oder mal vier Tage ununterbrochenes Cello-Training.

Bald werden wir Exerzieren üben, wenn die Betreuerin des schwer erziehbaren Sozialdemokraten Sarrazin mit ihrem Erstlingswerk kommt. Bis zum Erscheinen wissen wir dann vielleicht auch, ob wir lieber einen Olympiasieger, einen Philharmoniker (Solist natürlich) oder einen Nobelpreisträger heranzuzüchten gedenken. Am besten alles drei. Bis die Sarrazin-Methode publik ist, überbrücken wir die Zeit mit Amy Chua, einer Yale-Professorin mit chinesischer Grundhärte. Kinder muss man zum Siegen zwingen, sagt die selbst ernannte Tiger-Mutter. Qualität kommt von Qual. Sage ich ja schon lange. Unseren Kindern geht es viel zu gut. Widerworte werden ab sofort abgeschafft. Und vor dem Frühstück Liegestütz, bis die Finger bluten. Und bitte leise wimmern. Die Eltern wollen ausschlafen.

Wer als der Chinese könnte besser wissen, wie man kleine Krieger aufzieht? 5000 Jahre Weltmacht, das schaffen nicht mal die Guttenbergs. Unser Großer ist vom China-Trend noch nicht restlos überzeugt. Ein paar Aktenordner Extra-Hausaufgaben werden ihn von seinen Vorwitzigkeiten kurieren. Und dazu Strafestehen auf dem Balkon in Unterhose, mit Eselsmütze und einem Schild um den Hals: "Wir wollen Tiger sein, keine Ente." Leider fehlen mir die Sanktionsmöglichkeiten, denn ein ziemlich durchtrainierter 17-Jähriger fürchtet sich nicht vor seinem Vater, sondern versucht es stattdessen mit Argumenten: "Hättet ihr früher mit so einem Kampftiger spielen wollen? Hättet ihr mit so einer Maschine Spaß auf einer Party gehabt? Hättet ihr mit dem in die Schule gehen, studieren, arbeiten wollen? Oder lieber als Chef?" Welch eine bösartige Frage; das hat er von seiner Mutter. Es geht um die Weltherrschaft. Und unser humanistisch verdorbener Sohn kommt mit Sentimentalitäten wie sozialer Kompetenz und Teamfähigkeit. Erfolg macht doch von ganz allein sympathisch. Und wenn man ohnehin nicht zum Kindergeburtstag darf wie die Chua-Kinder, braucht man auch kein Lächeln.

Die Chefin ist nicht sicher, ob wir unsere Erziehung tatsächlich auf Peking-Style umstellen sollen. Na gut, überspringen wir eben ein paar Erziehungsratgeber, bis es wieder lockerer wird.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann