Mamas & Papas

Schwerlasttransport am Frühstückstisch

Wir sind eine kultivierte Familie. Tischmanieren gehören zum Fundament unserer werteorientierten Erziehung. Wir Eltern achten zum Beispiel penibel darauf, dass die Zeitungsseiten nicht auf den Marmeladenbrötchen der Kinder kleben.

Erste Erfolge unserer Erziehungsarbeit stellen sich ein. Obwohl kaum 17, führt Karl das Messer nur noch selten wie einen Tomahawk. Und ein geschickt platzierter Margarine-Teller hält zumindest einen seiner Ellenbogen vom Tisch.

Hans dagegen verweigert sich der gehobenen Lebensart. Sein ergonomisch ausgereiftes Kindermesser mit dem lustigen Bären am Knauf betrachtet er wahlweise als Piratendolch oder als Jedi-Lichtschwert, jedenfalls als Waffe und nicht als Kulturwerkzeug. Womit wir bei einer steten Frühstücksfrage wären: Wer schmiert die Schrippe? Ginge es nach Hans, müsste man nur die Marmelade aus dem Glas auf das Brötchen tropfen lassen, am besten solange, bis vom Backwerk nichts mehr zu sehen ist.

Aus Angst vor Kollateralschäden hat die Chefin die Semmel bereits mit einem Spezialmesser halbiert. Die Hälften scheinen auf Hansens Frühstücksbrett vor Angst leicht zu beben. Der Junge greift zum Glas. Soll er doch, denke ich und blättere interessiert durch einen Prospekt mit Hochdruckreinigern. "Du bist doch ein großer Junge und kannst das Brötchen selber schmieren", gurrt die psychologisch versierte Chefin. Sie legt Wert darauf, dass unter der Konfitüre eine zarte Schicht Hochleistungsmargarine appliziert wird, mit Omega-3-Hochleistungsöl, das für die Hirnentwicklung unerlässlich ist.

Ich bin als Kind leider in einem Omega-3-Mangelgebiet aufgewachsen und hielte es schon für eine Leistung, wenn der Kleine mit dem Finger schmiert, kulturhistorisch ja der Urahn aller Werkzeuge. Außerdem parkt die Margarine weit weg unter Karls Arm, der wiederum den Sportteil hält. Aber nein, es muss ja das Kindermesser sein. Hans stützt sich im Salami-Teller auf und bohrt den Dolch in die Margarine, um in Zeitlupe etwa 270 Gramm einmal quer über den Tisch zu balancieren. 20 Zentimeter vor der Schrippe und leider genau über meiner Kaffeetasse findet der Schwerlasttransport ein jähes Ende. "Brauchste keine Milch mehr", wiehert Karl. Die Chefin prustet. Und statt schuldbewusst dreinzublicken, grinst mich Hans einfach nur frech an. Es war nicht alles schlecht bei den Preußen. Aber leider ist die Chefin gegen Backpfeifen. Ich rede mir ein, dass der mit Omega-3 getunte Kaffee Dr. Kawashimas Gehirnjogging ersetzt, schnappe mir die halben Schrippen und schmiere sie vorschriftsmäßig. Hans guckt mäßig interessiert zu und knabbert derweil an meinem Brötchen. Huldvoll nimmt er sein Frühstück schließlich entgegen.

Die schlechte Nachricht: Schmieren wird er nie lernen. Die gute: Er hat das Prinzip der arbeitsteiligen Wirtschaft früh kapiert.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann