Mamas & Papas

Die Gestrandeten der Großstadt

Morgens trifft man bei uns manchmal einen verwirrten Mann im Schlafanzug. Er geht ziellos durch die Straßen von Wilmersdorf und bettelt Leute an. Wie alt mag er sein? So zwischen fünfzig und sechzig. Der Schlafanzug und der Mantel, den er darüber trägt, wirken einigermaßen gepflegt. Überhaupt sieht er auf den ersten Blick aus wie einer dieser Männer, die "FAZ" lesend morgens im Café sitzen und ihren ersten Espresso trinken. Wenn da nicht der verrückte Blick wäre.

Und durch den Schlafanzug kriegt er endgültig etwas Clowneskes, aber kein trauriger Clown läuft da herum, eher ein bedrohlicher wie bei Stephen King. Denn der Mann ist sehr groß und kräftig. Über seine hünenhafte Gestalt kann der lustig gestreifte Schlafanzug nicht hinwegtäuschen.

Als Mutter machen mir solche Männer Angst. Genau wie die verrückte Frau, die alle paar Wochen auftaucht und an der Supermarktkasse steht - dort wo man seine Sachen einpackt - und vor sich hinmurmelt. Einmal ist diese Frau eine Weile hinter den Kindern und mir hergelaufen und hat sonderbare Sachen gerufen. In Berlin muss man damit rechnen, Berlin zieht Menschen, die mental wackeln, an. Wenn ich dabei bin, habe ich solche halb bedrohlichen Situationen im Griff. Aber was mir keine Ruhe lässt: Was passiert, wenn die beiden Kinder allein unterwegs sind?

Ja, sie werden älter. Vor wenigen Jahren noch, als Kleinkindmutter, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass sie jemals unbeaufsichtigt unterwegs wären. Aber inzwischen besucht unsere Tochter die dritte Klasse, ihre Schule liegt um die Ecke. Eigentlich normal, dass sie selbstständig zur Schule geht. Einmal, als bei uns alles zusammenbrach, hat sie sogar vorher ihren kleinen Bruder zum Kindergarten gebracht. Die beiden sind ein gutes Team, ich weiß, sie sind vorsichtig an Straßenkreuzungen und benutzen immer die Ampel. Manchmal gehen sie sonnabends die Brötchen holen. Danach sind sie ungeheuer stolz - und um mindestens zwei Zentimeter gewachsen. Kinder brauchen Selbstständigkeit. Und Freiheit.

Ich weiß, ich weiß. Aber Eltern wollen Sicherheit. Ab und zu halte ich deshalb meinen Kindern leidenschaftliche Vorträge über Gut und Böse, dass man sich nie ansprechen und mit Versprechen locken lassen darf, und wenn jemand an einem zerrt, immer laut schreien und nie, nie sich einem fensterlosen Transporter nähern - wenn dann nämlich einmal die Rolltür zu ist, ist man weg. Ich glaube, es sind ziemlich wilde Vorträge, weil ich einerseits heftig bin, andererseits relativiere, denn im Grunde glaube ich an den Menschen und sehe, dass es mehr Anteilnahme als Unheil gibt. Aber das andere gibt es eben auch.

Neulich gab ich unserer Tochter morgens an der Haustür einen Abschiedskuss und wollte zum üblichen Schönen-Schultag-und-sei-bitte-vorsichtig-Rap anheben, da schaute sie mich durchdringend an. "Mama, tu mir einen Gefallen, sag einfach nichts..."

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher