Mamas & Papas

Männer im Wasser

Wir sind eine sportliche Familie. Bei wachsender Hüftlast trabt der Patriarch durch den Grunewald, wobei die Laune sich in Grenzen hält, wenn der Kleine mit dem Rad falsch abbiegt, was die Runde verlängert, oder der Große locker davonwetzt.

Immerhin haben die Kinder früh gelernt, bei Länderspielen den Schnabel zu halten. Zum neuen Jahr verordnete die Chefin: "Mehr Schwimmen!" Ich stimmte widerwillig zu. Hans erzählte jede Woche von neuen Kindergartenkollegen, die das Seepferdchen geschafft hatten. Wir waren offenbar wieder mal die Letzten. Also üben. Mit ein wenig Wassersport ließ sich womöglich auch der Bandscheibenvorfall hinauszögern.

Öffentliche Bäder sind mir suspekt. Was mag Unsichtbares auf den Kacheln kleben, die Hans so hingebungsvoll mit unserem guten Handtuch feudelt? Sind all die Füße pilzfrei, die hier durchschlurfen? Schafft das Chlor wirklich wassertiefe Reinheit? Immerhin kann man auf den Grund gucken, jedenfalls im Kinderbecken. Zwei moppelige Jungs aus dem osteuropäischen Kulturkreis spielten Rugby im Flachen, ohne Ball. "Macht mal Platz, ihr Bengels", sagte ich in generations-adäquatem Ton. Der Nettere von beiden zeigte mir den Stinkefinger. Hans stand am Beckenrand und zierte sich. "So kalt", bibberte er. Aus pädagogischen Gründen konnte ich ihm nicht zustimmen. Aber er hatte leider Recht. Es war nicht kalt, es war eisig. Von der weihnachtlichen Schutzschicht umhüllt wie ein Orca hechtete ich dennoch mit einem olympiareifen Kopfsprung ins Becken. Hans fragte besorgt vom Beckenrand: "Tut dein Bauch weh?" Ich fühlte nichts. "Warum sollte er denn?" Der Kleine erklärte: "Weil du voll drauf gelandet bist." Papperlapapp. In dem Alter kann man die Schönheit eines virtuos vorgetragenen Köppers noch nicht beurteilen. "Komm rein", lockte ich. Doch Hans schüttelte den Kopf. "Muss auf Klo." Mir wurde schlecht. Alle Kinder pinkeln ins Becken, nur meins nicht. Wie auch, steht ja am Rand. Und von dort aus wäre es wohl doch etwas auffällig.

Nach dem Besuch der sanitären Anlagen will Hans duschen, freiwillig. Das ist neu. Aber lieber nass und warm als trocken und kalt, denkt er sich wohl. Ins Becken will er immer noch nicht. In der guten Viertelstunde unter der Brause führe ich dem widerständigen Jungen die Technik des Brustschwimmens vor. Er sieht mich skeptisch an und rudert ein wenig mit den Armen. Wir haben uns dann wieder angezogen und auf all die Anstrengung erst mal einen Hamburger verspeist.

Zwei Wochen später hole ich den Jungen vom Kindergarten ab. Stolz hält er mir ein Stück Papier hin und ein Stoffabzeichen. Nicht zu fassen: das Seepferdchen, heute bestanden. Tränen des Glücks steigen auf - doch ein Wunderkind. "Hans war prima, hat alles gekonnt", meldet die Kindergärtnerin. "Kein Wunder", entgegne ich: "Wir haben ja auch geübt."

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann