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Wo ist die Grenze zwischen „normal“ und „auffällig“?

| Lesedauer: 2 Minuten
Michael Krenz, Psychotherapeut

Foto: Infografik BM

Ich werde oft sehr schnell wütend und habe mich dann gar nicht mehr unter Kontrolle. Manchmal frage ich mich, ob das noch normal ist. Aber als psychisch auffällig sehe ich mich ja nun auch nicht. Wo ist da die Grenze? Jan P., per Email

Bin ich psychisch krank? Diese oft ängstlich verschämte Frage wird mir nicht nur von Patienten in der Psychotherapiepraxis gestellt, sondern auch im Alltag. Viele Menschen sind erst befangen, wenn sie erfahren, mit einem Psychotherapeuten zu reden – tauen aber auf , wenn ich ihre Ängste thematisiere, ein „Psycho“ zu sein oder von Freunden, Arbeitskollegen, von der Familie für einen psychisch „Auffälligen“ gehalten zu werden: Wir alle wissen von unseren Konflikten und Problemen am Arbeitsplatz , in der Familie, von Enttäuschungen, Hoffnungen, Fantasien, sorgsam abgeschirmten Marotten, Ängsten, die oft nur schwer oder unzureichend bewältigt werden. Gefühle von Schuld, Scham, Wut, Gekränktsein, Trauer, Versagen können alltägliche Begleiter sein. Bin ich deshalb psychisch krank?

„Psycho“, „Schizo“, „Spast“, „Hirni“ , „Depri“ sind besonders aggressive, diffamierende Kampfbegriffe in Auseinandersetzungen – bereits in der Schule. Sie sind Ausdruck, gesellschaftliche Probleme zu psychologisieren und zu individualisieren! Sie dienen uns zur eigenen Entlastung von quälenden Gefühlen, vor uneingestandener Hilflosigkeit.

Gleichzeitig befragen sich aber immer auch mehr Menschen, ob sie „ nicht doch was haben“. Vielleicht hilft Ihnen folgende Frageliste aus unserem Patientenwegweiser weiter und klärt, ob ein Gespräch bei einer Psychotherapeutin, einem Psychotherapeuten für Sie hilfreich seien kann.

Fühle ich mich anders als sonst? Beunruhigt mich diese Veränderung? Gibt es eine Erklärung für die Veränderung? Kann ich meine tägliche Arbeit nur noch mit Mühe verrichten? Mache ich mir immer Sorgen und habe ich viel Angst? Leide ich unter körperlichen Beschwerden? Ist mein Schlaf gestört, schlafe ich zu wenig oder zu viel? Fühle ich mich oft aggressiv, hasserfüllt, gereizt oder bin ich sehr intolerant? Bin ich oft krank geschrieben? Habe ich Selbstmordgedanken? Habe ich kaum noch Menschen, mit denen ich über meine Probleme sprechen kann? Fällt die Veränderung auch anderen deutlich auf? Ist das schon länger als drei Monate so? Ist mir das alles egal? Wenn Sie mehrere dieser Fragen mit Ja beantworten, sollten Sie das Gespräch mit einem Psychotherapeuten suchen.

Diplom-Psychologe Michael Krenz ist Präsident der Berliner Psychotherapeutenkammer. Haben Sie eine Frage an ihn? Dann schreiben sie an familie@morgenpost.de