Ratgeber

Mein Sohn (fast 4) hat einen Wackelzahn. Ist das nicht viel zu früh?

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Prof. Hermann Girschick ist Chefarzt im Vivantes Klinikum im Friedrichshain

Mein Sohn Timo wird in einem Monat vier Jahre alt. Wir haben von Anfang an großen Wert auf Mundhygiene gelegt. Aber nun habe ich abends beim Zähneputzen festgestellt, dass Timo schon einen richtigen Wackelzahn hat. Ist das nicht viel zu früh? Woran kann das liegen? Haben wir schlecht die Zähne geputzt? Kerstin R., Schöneberg

Ihre Sorge ist unter Umständen nicht unbegründet. Der vorzeitige Zahnausfall von Milchzähnen bei Kindern ist ein besonderes Ereignis und wird in der Regel sowohl von Laien aber auch von fachärztlichen Spezialisten unzureichend eingeschätzt. Kommt es also zum Beispiel im dritten oder vierten Lebensjahr zum vorzeitigen Ausfall von Milchzähnen, dann muss an eine seltene Erkrankung des Knochenstoffwechsels gedacht werden, die Hypophosphatasie. Bei ihr besteht auf der Grundlage einer vererbten Stoffwechselerkrankung die Unfähigkeit, ein bestimmtes Ferment zu produzieren, die alkalische Phosphatase. Dieses Ferment ist entscheidend in der Knochenmineralisation und bei entsprechendem Fehlen kommt es zu weichen Knochenauffälligkeiten im Gangbild, Problemen bei der Atmung, aber auch zu Schmerzen vor allen in den unteren Extremitäten. In seltenen Fällen kann zusätzlich oder ursächlich ein Zinkmangel bestehen. Der spezialisierte Zahnarzt wird auch an weitere noch seltenere Erkrankungen denken, die zu einem Zahnverlust führen.

Auch wenn in Deutschland nur geschätzt 300 bis 400 Menschen von dieser seltenen Stoffwechselerkrankung betroffen sind, bleibt die Dunkelziffer hoch, denn die Symptome Schmerzen im Bereich der Beine, Knochenbrüchigkeit, Appetitlosigkeit, Nierenfunktionsstörungen, Gedeihstörungen, Kleinwuchs, Verdauungsprobleme, verspätete motorische Entwicklung sind als Symptome derart unspezifisch, dass oft an eine zugrunde liegende Stoffwechselerkrankung gar nicht gedacht wird.

Die Hypophosphatasie zählt zu den so genannten seltenen Erkrankungen. Oft haben Betroffene Schwierigkeiten, Ärzte und Betreuungspersonal zu finden, die Erfahrung in der Betreuung haben. Der vorzeitige Milchzahnverlust, insbesondere mit Ausfall der kompletten Zahnwurzel, ist ein entscheidender Hinweis für diese Erkrankung. Deshalb sollten Sie auch möglichst schnell Ihren behandelnden Kinderarzt oder auch ausgewiesene Spezialisten kontaktieren, um eine Diagnose für Timo zu erhalten.

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