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Wie leiden die Kinder am wenigsten unter der Trennung?

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Dr. Andreas Wiefel, Psychiater

Marie und Julian sind 11 und 7 Jahre alt. Ich habe mich von meinem Mann getrennt und wir überlegen, wie wir eine gute Umgangsregelung finden können. Was meinen Sie?

In Berlin leben 30 Prozent aller Kinder bei nur einem Elternteil. Insofern ist dies eigentlich gar keine große Besonderheit mehr. Stattdessen stellt sich die Frage, wie dieser Umstand gut gelöst werden kann. Dabei wird in der Mehrzahl das klassische Modell bevorzugt, bei dem der besuchende Elternteil sein Kind ein- bis zweimal in der Woche sieht. Dazu kommen in der Regel vierzehntägig Wochenend-Aufenthalte. Schwerer haben es diejenigen Kinder, bei denen der umgangsberechtigte Elternteil seinen Umgang weniger oder gar nicht, oder, was ich fast noch schlimmer finde, unregelmäßig wahrnimmt.

Insbesondere in Zeiten der frischen Trennung halte ich es für unangemessen, wenn gesagt wird: „Ach, wir machen das so, wie uns oder den Kindern das spontan in den Sinn kommt“. Wichtig ist, dass man nicht zu sehr auf das Urteil der Kinder vertraut, denn diese sind doch oft von Loyalitätskonflikten beeinflusst und entscheiden sich dann so, wie sie es auch mit „Eis und Cola“ machen würden. Da würden wir auch nicht den Wünschen der Kinder freien Lauf lassen, sondern eher versuchen den objektiven Bedarf festzustellen. Also sollten Sie Marie und Julian vor allem in dieser ersten Zeit eine sichere Orientierung geben.

Eine besondere Variante ist das „Zwei-Nester-Modell“. Hier sollen die Kinder zu etwa gleichen Teilen beim Vater und bei der Mutter leben. Manche teilen dabei die Woche, manche den Monat, manche wechseln den Lebensmittelpunkt des Kindes sogar monatsweise. An dieses Modell werden allerdings die höchsten Anforderungen an die Kooperation der Eltern gestellt, so dass ich in der Regel zumindest am Anfang nicht dazu rate. Mir scheint es besser, zunächst festzulegen, wo das Kind seinen zentralen Lebensmittelpunkt hat und vom anderen Elternteil zuverlässig besucht wird.

Letztlich kommt es bei allen Modellen nicht so sehr auf die Menge oder Art des Umgangs an, sondern auf die Qualität. In meiner Sprechstunde gebe ich in Trennungssituationen immer eine individuelle Beratung für Besuchseltern, um herauszufinden wie der besuchende Elternteil seine Umgangszeiten zum Wohle der Kinder gestalten kann.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg