Ratgeber

Mein Sohn sammelt alles - und vergisst darüber die Schule

Man sagt ja, es sei normal, wenn insbesondere Jungen im Grundschulalter Gegenstände in ihren Hosentaschen horten. Bei Max ist das aber so ausgeprägt, dass er sich in der Schule oft gar nicht konzentrieren kann. Auch zuhause holt er bei jeder Gelegenheit irgendeine Kleinigkeit, die er gefunden hat, aus der Tasche. Es ist dann manchmal gar nicht möglich, ein Spiel mit ihm zu beenden. Heike T., per E-Mail

Ja, das ist im Prinzip normal. Viele Kinder erkunden die Welt, indem sie zunächst ziellos Gegenstände (und Eindrücke!) sammeln und dann sortieren. Dabei kann man sehr schön beobachten, wie die Prozesse von Wahrnehmung der äußeren Welt und Bildung einer inneren Welt zusammenhängen: Es geht ja darum, die Reize und Eindrücke, die von außen auf das Kind einstürmen, zu ordnen. Dabei kommt schon in der frühen Kindheit den Eltern die wichtige Funktion der "Reizschutzschranke" zu. Damit ist gemeint, dass dem Kind vermittelt wird, welche Wahrnehmungen und Erfahrungen wichtig sind. Dadurch entwickelt sich aus den Erfahrungen mit der äußeren Welt das innere Weltbild. Wenn die Kinder größer sind, können wir durch die Art, wie sie sich außen präsentieren, etwas über ihr Innenleben erfahren. Bei Max scheint es sehr viele ungeordnete Eindrücke zu geben. Dies entspricht psychologisch einer nicht altersentsprechenden Reife, denn das übertriebene ungeordnete Sammeln und Horten sollte im Grundschulalter soweit kanalisiert sein, dass es nicht zu Konzentrationseinbrüchen kommt. In meiner Sprechstunde habe ich viele Kinder, die ein ähnliches Verhalten zeigen. Es zeigt, dass die innere Ordnung und Orientierung nicht ausreichend ausgebildet ist. Es kann auf Ängste hinweisen, etwas zu verpassen, nicht genug oder "das Falsche" zu bekommen. Ein weiterer Aspekt ist der Ablenkungscharakter: Warum kann Max nicht bei einer Sache bleiben? Ich wäre gespannt, wie konzentriert die übrige Familie ist und wie Sie als Eltern "bei einer Sache bleiben". Meistens finde ich im familiären Umfeld ähnliche Orientierungsprobleme. Im Rahmen einer Psychotherapie kann das Kind korrigierende Erfahrungen machen und "nachreifen", wenn die Eltern einbezogen werden, denn die sind letztlich dafür verantwortlich, dass die altersentsprechenden Erfahrungen zeitgerecht angeboten werden und "nichts verpasst" wird.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charit, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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