Sprechstunde

Ist Cortison-Spray schädlich für meinen dreijährigen Sohn?

Britta F. aus Frohnau fragt: Mein Sohn (3 Jahre) hat schon zum dritten Mal in diesem Winter eine Bronchitis mit angestrengter und pfeifender Atmung durchgemacht. Jetzt will die Ärztin ihm ein Cortison-Spray zur Dauerbehandlung verordnen, aber eine Freundin hat mir wegen der Nebenwirkungen davon abgeraten. Wem soll ich denn nun glauben?

Sie stellen eine ganz wichtige Frage, die wir zuerst klären müssen, bevor ich mich zu den Sprays äußere. Als Kinderärzte sind wir es gewohnt, dass uns Eltern und Patienten nicht alles blind glauben. Es hat auch Vorteile, dass sich viele längst über moderne Medien selbst informiert haben. Ich interessiere mich immer für Inhalt und Quelle dieser Vorkenntnisse, leider sind sie aber oft nicht seriös oder auf dem aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Medizin.

Darüber muss man sprechen, um das für Untersuchung und Behandlung eines Kindes nötige Vertrauen zu gewinnen. Dabei erkläre ich in allgemein verständlichen Worten das für die Krankheit verantwortliche Problem und die Wirkungsweise der Behandlung. Wichtig ist dann zu erläutern, wie Nutzen und Risiko individuell abgewogen werden und welche Erfahrungen dazu vorliegen. In großen Studien müssen Erfolg und Verträglichkeit von neuen Therapien vor der Zulassung mit dem bisherigen Standard verglichen werden. Diese Evidenz hilft dem Arzt bei der Behandlungsentscheidung und gibt ihm statistische Daten von Vergleichsgruppen an die Hand. Damit ändern sich immer wieder auch etablierte Empfehlungen. Evidenz-basierte Medizin ist ständig im Fluss.

Damit nun zu Ihrer Frage. Wenn bei Kleinkindern mehrfach Infekte mit asthmatischen Symptomen auftreten, spricht das für entzündete, überempfindliche Bronchien mit einer Verkrampfungsneigung. Im Akutstadium setzen wir bronchienerweiternde Inhalationen und eventuell Cortison-Zäpfchen ein. Diese wirken übers Blut auch an der Lunge und haben eine starke entzündungshemmende Wirkung. Kurzfristig treten dadurch keine relevanten Probleme auf, unerwünschte Symptome spielen erst bei wiederholter Gabe höherer Mengen über mehr als sieben bis zehn Tage eine Rolle.

Dabei haben Mediziner und Öffentlichkeit vor 50 Jahren schmerzlich lernen müssen, dass das neue "Wundermittel" Cortison in Tablettenform zwar gut gegen Rheuma und Asthma hilft, aber auch zu Problemen an Haut, Muskeln, Knochen, Augen und Herz führen sowie Blutdruck und Blutzucker steigern kann. Ganz anders ist das mit der neuen Generation Cortison-ähnlicher Präparate, welche speziell zur Inhalation entwickelt wurden. Sie wirken praktisch ausschließlich an der Schleimhaut und entfalten dort die erwünschte entzündungshemmende Wirkung. Damit kann Atemnot und Pfeifen effektiver reduziert werden als mit anderen Medikamenten. Bei korrekter Dosierung und Anwendungsform lassen sich dagegen keine Nebenwirkungen auf das Wachstum der behandelten Kinder oder andere Organe nachweisen. Das haben viele Langzeit-Studien mit Tausenden von Patienten belegt, und die sichere Dosis-Obergrenze ist in Leitlinien der Fachgesellschaften festgelegt.

Michael Barker ist Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin