Ratgeber

Warum wird unser behinderter Sohn plötzlich aggressiv?

Unser sechzehnjähriger Sohn Jan macht uns großen Kummer. Er hat Trisomie 21. Ich habe ihn in jungen Jahren bekommen, es gab keine richtige Erklärung, wie die Behinderung entstanden ist. Es hat uns immer verletzt, dass die Leute "mongoloid" zu ihm sagen. Wir selbst haben auch erst lernen müssen, die fachlich richtigen Begriffe zu finden. Dabei hat uns geholfen, dass Jan als kleines Kind ein richtiger Sonnenschein war. Jetzt fängt er aber an, aggressiv zu werden und sich gegen uns und seine Lehrer zu wenden. Anke K., per E-Mail

Das ist leider häufig so im Verlauf mit behinderten Kindern. Gerade wenn die Situation im Kindesalter sehr harmonisch ist und die Pflege durch die Eltern sehr intensiv war, haben diese Kinder als Jugendliche Schwierigkeiten, ihren normalen Pubertäts-Drängen angemessen nachzugeben und diese auszudrücken. Es fällt ihnen noch schwerer als anderen Kindern, die Sorgen der Eltern nicht als Einmischung zu empfinden. In der Wahl ihrer Mittel, um notwendige Abgrenzungen vorzunehmen und ihre Eigenständigkeit zu finden, sind Sie deshalb oft besonders unbeholfen und geraten in viele Missgeschicke. Für die betroffenen Eltern ist es nun wichtig, dies wiederum nicht misszuverstehen. Es stellt sich vielmehr die Frage, wie die gegenseitige Liebe, Zuneigung und Verbindung am besten für alle Beteiligten ausgedrückt werden kann. Dabei geht es darum, die Bedürfnisse der inzwischen erwachsen gewordenen Menschen genau zu kennen und zu berücksichtigen. Sie sagen, dass Sie relativ jung waren, als Sie Mutter wurden, so dass ich davon ausgehe, dass noch ein Großteil Ihres Lebens vor Ihnen liegt. Das gleiche gilt eigentlich auch für Jan, denn er wird, zum Glück, noch lange Freude an seinen Eltern haben können.

Die Frage ist, wo und wie sich das am besten realisieren lässt. Ich fürchte, dass eine immer weitere Verschmelzung innerhalb der Familie zu keinem guten Ergebnis führen wird. Es ist auch wichtig, die juristische Verantwortlichkeit für Jan auf Dauer zu klären. Mit dem 18. Lebensjahr wird er volljährig und es stellt sich die Frage, von wem nun ein Mensch mit einer solchen Behinderung betreut wird. Ich empfehle in der Regel, dass dies nicht die Familienangehörigen sind, sondern ein professioneller Betreuer. Dies zeigt für Jan, für die Eltern und für die Umgebung klar an, dass Jan sich von der Familie gelöst hat und nun die Bindungen auf Freiwilligkeit und einer guten gemeinsamen Zeitgestaltung basieren und nicht mehr auf gegenseitiger Verantwortung, wie es im natürlichen Eltern-Kind Verhältnis auch ist. Ich rate Ihnen, diesen Schritt, der auch mit notwendiger Trauerarbeit verbunden ist, zu gehen und dann auch gemeinsam mit einem Betreuer darüber nachzudenken, wo dauerhaft der beste Lebensmittelpunkt für Jan sein wird.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an: familie@morgenpost.de