Sprechstunde

Ab welcher Temperatur wird es gefährlich für mein Kind?

Martin Sch. aus Pankow fragt: In diesen Tagen werden ja bis zu minus 20 Grad erwartet. Dürfen wir mit unserem Kind nach draußen gehen? Ab welcher Temperatur wird es gefährlich? Worauf muss ich achten, wenn mein Kind draußen spielen möchte?

Ist man sehr kalten Temperaturen ausgesetzt, können zwei Arten von Kälteschäden auftreten: Erfrierungen oder eine Unterkühlung. Bei einer Erfrierung kommt es zu einer Schädigung des Gewebes durch die Kälteexposition, die unbehandelt zu einem Gewebeuntergang führen kann (als Beispiel seien die abgestorbenen Zehen bei Bergsteigern genannt). Bevorzugte Stellen sind Ohrmuscheln, die Nase, Wangen, Finger oder die Zehen. Aufpassen sollten Eltern bei der Nutzung von Tragegestellen/-tüchern, dabei sind die Füße besonders gefährdet, da neben der körperfernen Kälteeinwirkung die Durchblutung beeinträchtigt sein kann. Ein weiteres Risiko ist die Kombination von Feuchtigkeit und Kälte. So können speichelfeuchte Schals oder Tücher das Auftreten von Erfrierungen begünstigen.

Die Haut erscheint kalt, blass und gefühllos. Beim Wiedererwärmen kommt es zu einer fleckigen Rötung und häufig zur erheblichen Schwellung, Juckreiz und meist starken Schmerzen. Es kann zur Blasenbildung kommen. Der Körperteil sollte rasch erwärmt werden, z.B. in einem 40°C warmen Wasserbad oder mit warmen Tüchern. Bei Bedarf soll eine Schmerzbehandlung mit den üblichen Schmerzmitteln erfolgen. Die betroffene Körperregion soll sorgfältig vor mechanischer Belastung geschützt werden. Von dem früher empfohlenen Abreiben mit Schnee oder Eis wird daher dringend abgeraten, da die durch die Erfrierung entstandene Gewebeschädigung verstärkt werden kann.

In einer wasserreichen Stadt wie Berlin ist die bedeutsamste Gefährdung für eine schwere Unterkühlung das Betreten von nicht tragfähigen Eisflächen. Im eiskalten Wasser kommt es innerhalb weniger Minuten zu einem bedrohlichen Absinken der Körpertemperatur und zur Bewegungsunfähigkeit, so dass die Betroffenen nur noch mit fremder Hilfe aus dem Wasser gelangen können. Es sollte in jedem Fall eine Untersuchung und Überwachung in einer Kinderklinik erfolgen.

Die Ursache leichterer Unterkühlung ist meist unangemessene Kleidung. Wichtig ist es, dass mehrere Schichten übereinander getragen werden ("Zwiebelprinzip"), um die Kleidung der aktuellen körperlichen Aktivität z.B. auf dem Spielplatz und der Sonneneinstrahlung anpassen zu können. Die Kleidung soll nicht eng anliegend sein. Wichtig ist der Schutz von Kopf und Ohren, Fausthandschuhe sind Fingerhandschuhen zum Warmhalten der Hände überlegen. Die Haut soll mit fetthaltiger Creme geschützt werden. Bei Temperaturen unter 0°C sollte auch der Mund durch Schal oder Schalmütze geschützt werden.

Die Behandlung einer Unterkühlung richtet sich nach der erreichten Körpertemperatur. Bei Frieren und einer normalen Körpertemperatur sind heiße Getränke und ein warmes Fußbad ausreichend. Bei einer Körpertemperatur von über 33°C erfolgt das Aufwärmen mit Decken sowie Wärmematten und -strahlern, wobei nur Kopf und Rumpf mit letzteren aktiv aufgewärmt werden sollen, um den Rückstrom des angesäuerten, kalten Blutes aus Armen und Beinen nicht zu beschleunigen.

Die möglichen Risiken des kalten Wetters sollten aber auf keinen Fall dazu führen, dass Kinder (und Erwachsene) im Winter nicht an die frische Luft gehen. Mit angemessener Kleidung, der richtigen Schutzcreme für die Haut und einer altersangemessenen Aufenthaltsdauer in der kalten Luft sollte gemeinsamen Aktivitäten im Freien bei dem herrlichen sonnigen Winterwetter nichts im Wege stehen.

Arpad von Moers ist Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin