Ratgeber

Warum ist unsere Tochter so wenig mädchenhaft?

Hanna ist vier Jahre alt und verhält sich wie ein Junge. Sie streitet ständig und wirft mit Sachen um sich, will immer die Beste sein und bestimmen. Sie hält sich auch nur bei den Jungen auf. Die Kita-Leitung hat das im Elterngespräch bestätigt. Ich bin entsetzt. Die Kita soll jetzt dafür sorgen, dass unsere Tochter mit den Mädchen spielt, und Hannas Wunsch nach kurzen Haaren werde ich auch nicht mehr nachkommen. Haben Sie noch einen Tipp? Katja Z., per E-Mail

Arme Hanna. Mir sind ehrlich gesagt kleine Mädchen, die sich nicht an ihre zugeschriebene Rolle halten, erst einmal nicht unsympathisch, auch wenn sie dadurch in Schwierigkeiten geraten, sorry. Ich kann aber auch Eltern, die in Sorge um ihr Kind eine aufgeregte und strenge Haltung einnehmen, erst einmal verstehen. In der Therapie stellt sich aber dann immer die Frage, ob diese Eltern auch mich verstehen, wenn ich das Verhalten des Kindes zunächst einmal verteidige und zu verstehen versuche...

Was soll Hanna denn machen? Irgendwie scheint sie das Gefühl zu haben mit den "typisch weiblichen Mitteln" wie weich oder emotional und verständnisvoll sein nicht weiterzukommen. Sie scheint sich rasch und zielstrebig durchsetzen zu wollen. Eine schriftliche Antwort auf die Frage, woher das kommen könnte, scheint mir unmöglich, denn hier ist das persönliche Gespräch notwendig.

Die Erfahrung, wie man sich "männlich" und "weiblich" verhält und miteinander kommuniziert, kann nicht theoretisch ersetzt werden und braucht den direkten Kontakt mit einem erfahrenen Therapeuten oder einer Therapeutin. Der Kita kann ich nur raten, darauf zu beharren, dass dieses Problem nicht mit pädagogischen Mitteln zu lösen ist. Die Erzieherinnen sollten Sie bei der Suche nach einer geeigneten Möglichkeit außerhalb des sozialen Umfelds in einem geschützten Rahmen unterstützen.

Hannas Beispiel zeigt grundsätzlich auf, dass jede Kita über die Angebote einer Familien- und/oder Kleinkindtherapie in ihrer Nähe informiert sein sollte, um nicht in den Druck zu geraten, solche Probleme selber lösen zu wollen. Die Erzieher und Erzieherinnen könne sich auch selbst bei den Erziehungs- und Familienberatungsstellen oder bei Kindertherapeuten Rat holen und bei der Motivation von Eltern, diesen Schritt zu tun unterstützen lassen.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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