Ratgeber

Woher kommen die Zweifel, dass meine Tochter glücklich ist?

Obwohl das Kind selbst in Ihrem Bericht gar nicht als auffällig vorkommt, richten Sie Ihre Fragen trotzdem intuitiv an einen Kindertherapeuten. Sie merken, dass emotionale Nöte unabhängig von beobachtbaren Verhaltensauffälligkeiten existieren können. Das ist für Sonja fraglich und nicht von Ihrem eigenen Erleben zu trennen:

Sie bekommen einerseits positive Rückmeldungen aus Ihrem Umfeld und damit zeigt sich andererseits, dass niemand richtig weiß, wie es IN Ihnen aussieht. Sie befürchten zu Recht, dass sich dieses Muster auf Sonja übertragen kann. Ihre Situation weist auf den Unterschied zwischen sichtbaren Problemen IN einem Menschen und ZWISCHEN Menschen, also Beziehungsproblemen. Das zweite ist besonders bei der frühen seelischen Entwicklung hin zum eigenen ICH von größter Bedeutung. Sonjas emotionales Erleben ist, wie bei jedem Kind im ersten Lebensjahr, untrennbar mit der Entwicklung der Beziehung zu Ihnen als Mutter verbunden. Eines der zentralen Themen dabei ist die Regulierung von Nähe und Distanz.

Das Gefühl, sich dann manchmal ganz fremd und kalt zu fühlen, obwohl eigentlich doch "alles super" ist, deutet auf einen generellen Konflikt in dieser Frage hin, auch sichtbar darin, dass Sie Sonja manchmal für Ihr eigenes Gefühl viel zu heftig "wegschieben". In solchen Situationen wird jetzt immer häufiger eine Mutter-Kind-Therapie empfohlen. Ich bin mit dieser Bezeichnung nicht besonders glücklich, denn es müsste eigentlich viel eher Kind-Mutter-Therapie heißen, weil die primäre Sorge ja dem Kind gilt. Mehr noch: Im Zeitraum um den ersten Geburtstag sieht die psychische Entwicklung regelmäßig auch die Erweiterung um "den Auftritt des Vaters" vor, so dass es eigentlich Kind-Eltern-Therapie heißen sollte. Viel Aufwand? Aber was heißt das schon im Licht der Möglichkeit, frühzeitig Weichen zu stellen...

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie- Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie wieder die Pädagogin Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie einfach an: familie@morgenpost.de