Ratgeber

Warum reagiert unsere Tochter so aggressiv auf die Trennung?

Meine Frau und ich haben uns vor einem guten halben Jahr getrennt. Unsere beiden Töchter Mira (3) und Lena (1) sollen aber möglichst wenig darunter leiden. Mira tut sich noch besonders schwer mit meinem Auszug, klammert bei jedem Abschied an mir oder ihrer Mutter und zeigt auch im Alltag bisher unbekannte Aggressionen.

Als meine Frau letztens ausgehen wollte, hat Mira ein derartiges Theater gemacht, dass auch Lena davon angesteckt wurde und ich mit den beiden Schreihälsen in unserer alten Wohnung stand und nicht mehr ein und aus wusste. Michael S., per E-Mail

Das alles hört sich nicht besonders nach Klarheit zum Thema "Trennung" an. Die Reaktion ist nicht verwunderlich, wenn der Papa in der ehemals gemeinsamen Wohnung auf die Kinder aufpasst und damit (natürlich unbeabsichtigt!) große Verwirrung stiftet... Leider gehört zu einer Trennung ein Quantum Aggression, was dort verortet werden sollte, wo es hingehört: nicht zu den Kindern. Warum also "übernimmt" Mira diesen Part? Zunächst fällt mir immer wieder auf, dass Paare darüber berichten, "sich zu trennen". Es soll also Einvernehmen suggeriert werden wogegen ich (als Therapeut gemeinsam mit den Kindern) nach dem jeweiligen "Ich" der Beteiligten frage! Kinder brauchen eine klare Zuordnung der Verantwortung, sonst kommen sie schnell auf die Idee, diese an sich zu reißen! Eine klare Aussage: "Ich trenne mich von..." ist hier nötig, aber auch nur so viel wert, wie sie dann im Handeln sichtbar wird. Da ich die Mutter der Kinder hier nicht ansprechen kann, rate ich Ihnen zunächst dazu, für sich allein eine Grenze zu ziehen und diese den Kindern gegenüber dadurch zu dokumentieren, dass Sie sich nicht mehr in der ehemals gemeinsamen Wohnung aufhalten. "Platz ist in der kleinsten Hütte" sollte Ihr Motto sein und Sie die Kinder bei jeder Versorgungssituation konsequent zu sich holen. Dazu gehört ein gewisses Maß an (positiver) Aggression, die Sie gegenüber der Mutter vertreten müssen. Damit wäre Mira, im Gefolge auch Lena, von einer großen Last befreit. Die Idee des Einvernehmens, dass die Familie insbesondere in der Weihnachtszeit noch im alten Gefüge funktionieren soll, ist ja einerseits verständlich, trägt aber der Wahrheit eines ernsthaften Konflikts doch in keiner Weise Rechnung und wirkt für Kinder wie Betrug - das macht wütend!

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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