Ratgeber

Wie kann unser Sohn lernen, mit Frust umzugehen?

Unser Max ist jetzt sieben Jahre alt und in der zweiten Klasse. Beim Elterngespräch berichtete die Lehrerin über seine große Ungeduld. Er kann nicht abwarten, bis er an der Reihe ist, und will immer alles sofort haben. Entweder ist er beleidigt, wenn das nicht funktioniert, oder zieht sich sofort zurück, etwa wenn er einen kleinen Preis ergattert hat. Wenn er meint, nicht genug beachtet zu werden, fängt er inzwischen auch an, in der Klasse zu stören und zu hampeln. Ingo T., per E-Mail

Offensichtlich schätzt Max die kleinen persönlichen Gewinne und Erfolge (sowohl materiell als auch ideell) größer ein als das langfristige Gefühl, Teilnehmer zu sein und gute Beziehungen in seinem Umfeld zu haben. Ein wenig schwingt auch eine materialistische Vorstellung mit. Max will Dinge bekommen und horten, mit denen er am Ende nicht glücklich sein kann. Es klingt danach, dass sein Selbstwertgefühl ersetzt werden muss durch materiell-ideelles "Haben". Somit stellt sich die Frage, wie es mit seiner Konzentration und Aufmerksamkeit in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen ist.

Mir drängt sich der Verdacht auf, dass bald jemand auf die Idee kommen könnte, er habe eine "Aufmerksamkeits- und Überaktivitätsstörung (ADHS)". Am Beispiel von Max kann man aber gut sehen, wie Probleme im frühen Aufbau sozialer Beziehungen täuschend ähnliche Symptome wie bei ADHS hervorbringen können. Unsere temporeiche Zeit mit immer kürzer werdenden Informationsbits und schnellen Sequenzen, auch in den Medien, trägt dazu bei, dass das ruhige Beobachten und der Aufbau von Empfindungen sowie die Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht gerade gestärkt werden. In dieser Not wird (verständlicherweise) von den Eltern leider häufig Aufmerksamkeit für Kinder mit reichlicher Gabe und Belohnung verwechselt.

Auch bei Max gilt nun aber, dass in der konkreten Situation in der Schule guter Rat teuer ist. Es geht darum, insgesamt eine "Entschleunigung" herbeizuführen und Max und seine Umgebung füreinander zu sensibilisieren. Gut wäre, es für Max attraktiv zu machen, kleine Bedürfnisse aufzuschieben und Frustrationstoleranz zu lernen, um am Ende durch den Verzicht auf Selbstwertersatz den größeren Gewinn von zufriedenen Beziehungen zu erhalten.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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