Ratgeber

Zu viel Harmonie in der Familie ist für Kinder nicht gut

Meine neunjährige Tochter Clara ist wegen kindlicher Depression in einer psychotherapeutischen Behandlung. Die Therapeutin hat häufiger Elternstunden mit meiner Frau und mir gemacht. Dabei hat sie jedem einzeln zu einer eigenen Therapie geraten, weil Clara bei uns nicht richtig angespornt würde. Ich verstehe das nicht, weil wir uns als Paar sehr gut verstehen und damit Clara doch ein gutes Vorbild sind. Jan P., per E-Mail

Es kommt darauf an, welches Vorbild die Therapeutin meint und welches sie verstehen. Ich kenne die Situation sehr gut, dass Kinder mit Depressionen Eltern haben, die sich auf den ersten Blick "sehr gut verstehen". Manchmal ist das aber gerade das Problem: zu viel Harmonie verhindert manchmal notwendige Entwicklungsschritte. Ich selbst erlebe bei solchen Elternpaare häufig, dass sie eher geschwisterlich verbunden sind, als Eltern sehr gut "funktionieren" aber als Mann und Frau die eigenständige Rolle ein wenig aus dem Blick verloren haben. In solchen Familien findet sich oft ein sehr guter Versorgungsstand bezogen auf äußerliche Merkmale, aber die Abenteuerlust und das Interesse an neuen innerlichen Erfahrungen sind ein wenig eingeschlafen. Ich will damit keinesfalls sagen, dass eine solche Situation Depressionen verursacht, aber sie ist bei der Behandlung auch nicht eben förderlich. Gut finde ich auch, dass Sie als Mann die Initiative ergreifen: Oft sind ja eher die Frauen fürs Emotionale zuständig. Es ist aber gerade gegenüber dem Mädchen ein Vorteil, nicht rollentypisch aufzutreten! Clara müsste ja den Mut finden, auch einmal "emotionale Risiken" einzugehen, denn Depression bedeutet auch: Verlust an positiver Aggression, Experimentierfreude und damit der Teilhabe am sozialen Leben. In einem emotionalen Sinn versuchen solche Kinder möglichst alles so zu belassen wie es ist, nichts zu verändern und sind dabei aber dennoch unglücklich. Störungsunterhaltend ist auch die typische Begleiterscheinung, dass die Außenwelt (wie zum Beispiel Lehrer, Schul- oder Freundeskreis) ein zurückgezogenes und beharrendes Verhalten wie bei Clara als angenehm empfindet und nicht gesehen wird, dass es sich dabei um eine Entwicklungshemmung handelt! Wenn Clara nun erleben würde, dass Vater und Mutter jeweils auf eigenem Weg an neuen Erfahrungen interessiert sind und sich dem Leben außerhalb der Familie ein bisschen mehr öffnen, wird sie automatisch bestärkt werden, mit Hilfe ihrer Therapeutin ebenfalls einen etwas (wage)mutigeren Weg zu suchen.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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