Sprechstunde

Soll ich meinen 14-jährigen Sohn abends mit Wein trinken lassen?

Regine C. aus Prenzlauer Berg fragt: Mein 14-jähriger Sohn Jakob fragte mich vor kurzem, ob er zum Essen einen Schluck Wein probieren bzw. mittrinken dürfe, sein Klassenkamerad dürfe das zu Hause auch. Einige ältere Klassenkameraden hätten sich letztens mal schwer betrunken und da sei es doch besser, er würde es zu Hause ausprobieren. Ich selbst bin Genusstrinkerin und habe gelesen, dass ein Glas Wein am Abend sogar für mein Herz gesund sein soll. Kann es da meinem Sohn körperlich schaden, wenn er in seinem Alter bei uns etwas Alkohol mittrinkt?

Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie diese Frage stellen, da wir zurzeit eine deutliche Zunahme an schweren Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen in unserer Klinik sehen. Es vergeht kein Wochenende, an dem nicht ein Jugendlicher im Koma nach Alkoholexzess - zum Teil mit Sturzverletzungen - bei uns eingeliefert wird. Diese Entwicklung ist sehr dramatisch, da diese Fälle nur die Spitze des Eisbergs zeigen und viele Jugendliche regelmäßig an den Wochenenden sehr viel Alkohol trinken. Prinzipiell müssen wir davon ausgehen, dass Alkohol im Blut die Entwicklung des Gehirns schädigt.

Diese giftige Wirkung des Alkohols für das Gehirn sehen wir schon bei der Hirnentwicklung in der Schwangerschaft, da übermäßiger Alkoholkonsum der schwangeren Mutter zu einer zum Teil sehr starken geistigen Behinderung der Kinder führt. Das Gehirn der jugendlichen Kinder durchläuft in der Pubertät erneut eine sehr intensive Reifungsphase und erst kürzlich konnte gezeigt werden, dass auch die Intelligenz der Kinder in der Pubertät "nachreifen" kann. Wie in der Schwangerschaft lässt sich auch für das pubertierende Gehirn keine ungefährliche Mindestmenge ermitteln, bei der sicher keine Schädigung des Gehirns auftritt. Daher gilt, dass ein Alkoholkonsum im Kindes- und Jugendalter unbedingt vermieden werden muss, insbesondere Alkoholexzesse.

Neben der direkten Schädigung des Gehirns sind die leider zunehmenden Alkoholexzesse der Jugendlichen in vielfacher Weise auch indirekt schädlich. Insbesondere der Kontrollverlust wird zur Gefahr, sich selbst und andere zu verletzen, etwa durch schwere Schädelverletzungen bei Stürzen und Verletzungen durch körperliche Streitigkeiten.

Exzessives Alkoholtrinken der Jugendlichen zu verhindern, indem man zu Hause den vernünftigen Umgang mit Alkohol "erlernt", so wie es sich Ihr Sohn vorstellt, ist eine nachvollziehbare, aber leider nicht erfolgreiche Idee. Studien in den USA mit vielen Hundert Jugendlichen haben gezeigt, dass gerade diejenigen Jugendlichen, denen zu Hause ein moderater Alkoholkonsum erlaubt wurde, mit Abstand die häufigsten Alkoholexzesse in den nachfolgenden Jahren aufweisen. Der "Lerneffekt" des geringen Alkoholkonsums zu Hause scheint leider das unkontrollierte Exzesstrinken erst zu begünstigen.

Wir sollten daher die Jugendlichen über die Gefahren des zu frühen und exzessiven Alkoholkonsums sehr eindeutig und immer wieder aufklären und sollten unbedingt ein striktes Alkoholtrinkverbot aufrecht erhalten. Gerade das Argument des besonders empfindlichen, sich noch entwickelnden Gehirns der Jugendlichen sollten wir unseren jugendlichen Kindern vor Augen führen. Weitere Informationen zum Umgang mit Alkoholproblemen im Jugendalter und Hilfe für Jugendliche mit riskantem Alkoholtrinkverhalten und deren Angehörige gibt es in Berlin bei der sehr guten Einrichtung "Halt" ( www.halt-berlin.de ).

Heiko Krude ist Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin