Sprechstunde

Wie viele Kilos sind normal?

Lisa P. aus Charlottenburg fragt: Ich bin in der 26. Schwangerschaftswoche und habe seit Beginn der Schwangerschaft schon zehn Kilo zugenommen. Darüber bin ich nicht sehr glücklich, andererseits habe ich Angst, dass ich mein Baby nicht richtig ernähre, wenn ich nicht genügend esse.

Nicht selten verspüren Schwangere eine deutliche Veränderung ihres Appetits und eine Veränderung ihrer Essgewohnheiten. Dies hat im Wesentlichen hormonelle, aber auch psychologische Ursachen. Der größte Irrglauben in diesem Zusammenhang ist, dass die werdenden Mütter meinen, ab einem bestimmten Zeitpunkt für "zwei" essen zu müssen. Dies ist so nicht zutreffend. Grundsätzlich gilt, wie immer im Leben: Eine ausgewogene, vitaminreiche Ernährung ist die beste Basis für die gesunde Entwicklung des Kindes in der Schwangerschaft und für eine gesunde Schwangerschaft. Dabei kommt es nicht auf die Menge, sondern auf die Qualität und Zusammensetzung der Nahrungsmittel an.

Bei der Beratung werdender Mütter zur Gewichtszunahme in der Schwangerschaft ist zu bedenken, welches Ausgangsgewicht vor Beginn der Schwangerschaft bestand. Die moderne Ernährungsmedizin bestimmt hierzu den Body-Maß-Index (BMI), einen Quotienten aus dem Körpergewicht und aus der Körperoberfläche eines Menschen. Anhand dieses BMI wird der Ernährungszustand einer Frau vor der Schwangerschaft festgestellt und es lassen sich eindeutig die Grenzen für eine normale Gewichtszunahme in der Schwangerschaft bestimmen. Für eine Frau mit einem BMI von 25 ist eine Gewichtszunahme von 11,5 bis 16 Kilo (Gewichtszunahme pro Woche 0,5 kg) in der Schwangerschaft durchaus normal und empfehlenswert. Eine Frau mit einem BMI von 30 vor der Schwangerschaft sollte ihre Gewichtszunahme hingegen auf 5 bis 9 Kilo (0,3 kg pro Schwangerschaftswoche) in der Schwangerschaft begrenzen. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass auch die Gewichtsentwicklung des Kindes betrachtet werden muss.

Hinter einer überproportionalen Gewichtszunahme des Kindes, aber auch hinter einer inadäquaten Gewichtszunahme der Schwangeren kann sich ein Gestationsdiabetes verstecken - eine Zuckerkrankheit in der Schwangerschaft. Diese Form der Zuckerkrankheit tritt in der Schwangerschaft auf und bedarf bei der Behandlung der Berücksichtigung der Interessen des Kindes und der Schwangeren. Das heißt in diesem Fall, dass die übermäßige Kalorienzufuhr unbedingt vermieden werden sollte.

Bei Verdacht auf einen Gestationsdiabetes und bei Risiken für einen solchen sollte die Schwangere in der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche einen oralen Glukosetoleranztest (oGTT) durchführen lassen. Generell empfiehlt sich diese Untersuchung für jede Schwangere, nur wird dieses sogenannte Screening außerhalb der Risikogruppen nicht durch jede Krankenkasse übernommen. Beim oGTT wird eine definierte Menge von Zuckerlösung getrunken und die Blutzuckerwerte werden nach Blutabnahmen aus der Vene bestimmt.

Wird die Diagnose Gestationsdiabetes gestellt, genügt es oft schon, die werdenden Mütter zur Umstellung ihrer Ernährung zu bewegen. Sollten diese diätetischen Maßnahmen nicht ausreichen, kann eine Insulingabe erforderlich sein. Diese Behandlungen bedürfen einer gezielten Betreuung durch spezialisierte Diabetologen und den Geburtshelfer, um die Gefahren für die Mutter, aber auch für das Baby abzuwehren. Denn Neugeborene von Schwangeren mit Gestationsdiabetes sind nicht nur groß und tragen deshalb besondere Risiken unter der Geburt, sondern können auch eine gewisse Unreife ausbilden, wie sie auch bei Frühgeborenen zu finden ist.

Jörg Schreier ist Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe