Ratgeber

Soll ich eine Therapie machen, wenn mein Sohn schüchtern ist?

Ich bin seit der Geburt meines Sohnes Marko (11) alleinerziehend und war mit ihm bei einem Kindertherapeuten, weil er sehr schüchtern ist und Ängste hat. Dort wurden verschiedene Tests gemacht. Nun hatte er einige Therapiestunden und ich war in der Elternberatung. Jetzt hat die Therapeutin vorgeschlagen, ich selbst solle eine Therapie machen!

Das ist nicht ungewöhnlich im Verlauf einer Kindertherapie! Seelische Probleme haben sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen immer auch etwas mit der familiären Umgebung zu tun. Bei Kindern kommt noch die Besonderheit der engen Bindung an die Eltern hinzu. Hier finden sich oft Lösungsmöglichkeiten, die ohne einen Einbezug der Eltern gar nicht zu verwerten sind. Dabei geht es nicht nur um Fragen der Verursachung und schon gar nicht um Schuldfragen. Dennoch haben die Eltern natürlich eine große Verantwortung für das Gelingen einer Veränderung bei ihrem Kind. Gerade bei Ängsten müssen die Bindungsmuster neu betrachtet werden und manchmal reicht eine Beratung nicht aus. Alleinerziehende mit Einzelkind können besonders von einer eigenen Therapie profitieren, wenn sie dabei lernen, das Kind auch trotz der Probleme mehr auf sich selbst zu stellen. Dazu ist es oft nötig, dass der Erwachsene zunächst selber lernt, wo er sein Leben unabhängiger vom Kind gestalten kann! Ich wünsche Ihnen, dass Sie den möglichen Gewinn für sich selbst in der angeratenen Therapie sehen können und besser verstehen, dass Marko damit seinen eigenen Raum in seiner eigenen Therapie besser nutzen kann. Die Therapie für Sie wird Ihnen auch helfen, besser zu ertragen, wenn Marko den mühsamen Weg beschreitet, seine Probleme zu lösen und Sie dabei zusehen müssen, wie schwer ihm das fällt und wie er auch manchmal scheitern muss... So kurz vor der Pubertät bleibt es Ihnen beiden aber nicht erspart, jeder für sich einen Weg zu finden, damit Marko seinen Weg als selbstbewusster Jugendlicher gut machen kann.

Dr. med. Andreas Wiefel ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie