Ratgeber

Schadet Cannabis den schulischen Leistungen unseres Sohnes?

Tobias ist eigentlich ein ganz normaler 16jähriger Jugendlicher. Er hat das Schuljahr gut abgeschlossen und geht jetzt in die Oberstufe. Bei den dann erhöhten Leistungsanforderungen fragen wir uns allerdings, wie das mit seinem bisherigen kontrollierten Cannabiskonsum weitergehen soll. Er geht auch uns gegenüber sehr offen damit um, raucht ausschließlich am Wochenende und hat das gut im Griff. Steffi W., per E-Mail

Na, dann erscheint doch alles gut! Allerdings fällt mir bei der Beschreibung Ihres Sohnes eine sehr funktionelle Sichtweise auf. Sie legen Wert darauf, dass die (äußerliche) Kontrolle ausgeübt wird und vergessen dabei, dass Tobias' Konsumverhalten ein Ausdruck von (innerlichen) nicht wirklich kontrollierbaren Gefühlen sein könnte.

Wir gehen bei echter Suchterkrankung davon aus, dass ein Großteil der Betroffenen mit dem Substanzkonsum eine sogenannte "Selbstmedikation" von emotionalen Imbalancen versucht. Meistens geht es dabei um unglückliche Beziehungen, die auf der Basis von Selbstwertproblemen entstehen. Das Suchtmittel ersetzt dann die notwendige "narzisstische Zuwendung". Einfach ausgedrückt könnte man es auch "Ersatzschnuller" nennen, ohne das verharmlosen zu wollen! Aber auch bei Vorformen mit Sucht-Strukturen, wie bei Tobias, funktioniert das ähnlich, auch wenn von Sucht-Erkrankung (noch) gar nicht die Rede sein kann. Was fehlt ihm also? Zu fragen ist nach uneigennützigem Interesse an der Person und leistungsunabhängiger Liebe.

Noch einmal zurück zur "echten" Sucht: Auch hier handelt es sich oft um die Spitze des Eisbergs von anderen seelischen Erkrankungen, am häufigsten bei zugrunde liegender Depression mit völligem Zusammenbruch des Selbstwertes und dann dem selbstschädigendem Sucht-Verhalten. Hier sollte eine qualifizierte Suchtberatung, das Jugendamt und vielleicht eine Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit entsprechendem Schwerpunkt aufgesucht werden.

Bei Ihnen allerdings könnte eine grundständige Erziehungs- und Familienberatungsstelle hilfreich sein, die für Sie und Tobias nicht Erziehungs- sondern Beziehungs-Beratung anbietet. Sein "Ersatz-Schnuller-Verhalten" sollte sich nicht verselbstständigen bei dem anstehenden erhöhten Stress.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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