Ratgeber

Mein Neffe wird von seinen Eltern viel zu sehr entmutigt

Mein 17-jähriger Neffe will - nach einem guten Realschulabschluss - das Abitur machen und wurde auch schon bei einem Gymnasium angenommen. Seine Eltern haben jedoch kein gutes Wort für seinen Entschluss übrig.

Sie sagen, dass er das nicht schaffen und spätestens in einem Jahr ohne Abschluss aufgeben wird. Meinen Neffen belastet dies sehr. Er sprach mich darauf an und sagte mir, dass er seinen Eltern einfach nichts recht machen könne, weder in der Schule noch beim Sport. Kann ich ihm helfen, ohne mich zwischen ihn und seine Eltern zu stellen?

Erika T. per E-Mail

Um wirklich lernen, arbeiten und Ziele verfolgen zu können, brauchen wir Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten. Dieses Vertrauen und die Sicherheit "ich schaffe das" hängen von vielfältigen Lern-Erfahrungen in Kindheit und Schule ab. Wer viele schwierige Situationen gemeistert hat, schafft es bei der nächsten Herausforderung auch leichter, wieder Erfolg zu haben. Ganz grundlegend bei der Entwicklung der Fähigkeit und Motivation zu lernen und zu arbeiten sind Vorbilder. Das sind natürlich zunächst die Familienmitglieder, später auch Freunde, Lehrer oder Schulkameraden, von denen man modellhaft lernen kann, wie man erfolgreich an die Bewältigung einer Aufgabe herangeht. Ein weiterer zentraler Faktor ist die ausgesprochene und unausgesprochene Unterstützung und das Vertrauen der Anderen, dass ich diese Aufgabe schaffen kann. Und diese wichtigen Anderen, die uns dieses Vertrauen und diesen Glauben an uns selbst vermitteln, sind zunächst die Eltern. Was die Eltern über uns gesagt haben, als wir unsere ersten Schritte ins selbstständige Handeln gemacht haben, übernehmen wir in unser Bild von uns selbst und unseren Fähigkeiten. Demzufolge wird ein Kind, das oft ermuntert und positiv bestärkt wird, es leichter haben, Aufgaben erfolgreich zu bewältigen. Insofern ist Ihre Sorge berechtigt, dass es Ihren Neffen beeinträchtigen könnte, wenn seine Eltern ihn emotional nicht ausreichend unterstützen, ihm zu wenig zutrauen und sogar sein Scheitern prophezeien. Aber zum Glück waren Sie aufmerksam für die Situation Ihres Neffen und er hatte genug Vertrauen, sich an Sie zu wenden. Wenn Sie nun mit seinen Eltern sprechen und versuchen, ein besseres Verständnis und mehr Unterstützung für Ihren Neffen zu erwirken, ist das doch kein Mangel an Loyalität! Manchmal reagieren Eltern auch aus eigenen Unsicherheiten und Ängsten heraus kritisch und abwertend in Situationen, in denen ihre Kinder Leistungsanforderungen ausgesetzt sind. Vielleicht sind Ihr Bruder und Ihre Schwägerin sogar dankbar dafür, dass Sie an Ihren Neffen glauben.

Dr. Heidemarie Arnhold ist Pädagogin und Vorsitzende des Arbeitskreises neue Erziehung (Ane)

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