Ratgeber

Typisch Mädchen, typisch Junge - was ist davon anerzogen?

Uns ist aufgefallen, dass sich unsere Tochter Elisabeth (4) trotz ihrer zweijährigen Kita-Erfahrungen und des häufigen Zusammenseins mit gleichaltrigen Jungs sehr "mädchentypisch" entwickelt und ihre Interessen und Verhaltensweisen auch eher dem klassischen Mädchenbild entsprechen, obwohl wir sie bewusst nicht nach diesem Klischee erziehen.

Gibt es Erkenntnisse darüber, in welchem Maße die Erziehung sich überhaupt auf die traditionellen Geschlechterrollen auswirkt?

Sabine H., Pankow

Es gibt zahlreiche Untersuchungen zu dieser Thematik und sie bestätigen die von Ihnen gemachte Beobachtung: Unabhängig von den Erziehungszielen der Eltern, speziell hinsichtlich der Frage der Geschlechterrollen, kommen die wissenschaftlichen Abhandlungen nahezu übereinstimmend zu folgendem Ergebnis: Jungen wie Mädchen entwickeln schon in sehr früher Kindheit geschlechtstypische Angewohnheiten und Eigenschaften. Während bei den Mädchen Lesen, Sensibilität, Freundschaften zu anderen Mädchen, Interesse an Kunst und ein freundliches Wesen stark ausgeprägt sind, stehen bei den Jungs Abenteuerlust, Sport und der Wunsch nach eigenen Freiheiten im Vordergrund. Haben kleine Mädchen eine Vorliebe für die Farbe rosa, ist bei Jungen häufig "Auto" das erste Wort, das sie aussprechen können. Es bestätigten sich auch die hinlänglich bekannten geschlechtsbezogenen Präferenzen z.B. beim Spielzeug. Die frühe Herausbildung geschlechtstypischer Eigenschaften und Vorlieben bedeutet jedoch keine lebenslange und unveränderbare Festlegung! Und sie entwickeln sich im Laufe des Heranwachsens bei Jungen und Mädchen auf verschiedene Weise. Entwicklungspsychologen vermuten, dass das Geschlechtsspezifische gerade für junge Kinder eine sehr wichtige und hilfreiche Kategorie ist, um sich in der unübersichtlichen Welt zurechtzufinden.

Die Diskussion, was angeboren und was anerzogen ist, wird heute nicht mehr so hitzig geführt wie vor einigen Jahren. Auch weil sich gezeigt hat, dass eine frühe Beschäftigung mit und Annäherung an die jeweilige Geschlechterrolle dazu führt, im Erwachsenenalter souveräner mit diesen Rollen umgehen und auch davon abweichen zu können.

Dr. Heidemarie Arnhold ist Pädagogin und Vorsitzende des Arbeitskreises neue Erziehung (Ane)

Morgen berät Sie Dr. Max Braeuer in Rechtsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an familie@morgenpost.de